Australia
Edelkitsch auf großer Leinwand, erzreaktionär, hoch banal, ein Ärgernis wie jeder Film von Luhrmann.
Saw V
pure Nummernrevue in billigster Videoclipästhetik, die jede Dramaturgie und Figurengestaltung im Ansatz zunichte machen. Vorläufiger Tiefpunkt der Serie.
Náufragos - Stranded
Low-Fi-Science-Fiction ohne Esprit.
Rofuto - Loft
Atmosphärischer J-Horror. Für einen Kurosawa aber eine herbe Enttäuschung.
The Boss of it All
Van Triers neoliberale Büroanordnung. Furchtbar Fremdschamschau. Bei humorvollem Umgang mit dem Thema empfehle ich aber doch eher The Office.
Transporter 3
Kinetisches Körperkino, dynamisch, rund, seinem Genre verpflichtet.
Pride and Glory - Das Gesetz der Ehre
Schmutziges Copdrama um Familienbande und Loyalität, Ehre und Moral.
Religulous
Neu-Michael Moore Bill Maher auf Kirchenbashing-Trip. Ebenso polemisch wie unterhaltsam, als auch überflüssig.
Haider lebt! - 1.April 2021
Abgestandene Ösi-Satire, die nicht über ihr pseudo-provokantes Anliegen hinaus kommt.
Zombie Holocaust - Zombies unter Kannibalen
Schöner Splatterreigen, voll mit schiefem Humor und blutigem Allerlei.
Samstag, 28. Februar 2009
Freitag, 27. Februar 2009
Fantasy Film Fest 2008 # 4
Was gibt es Schöneres als eine bitter-böse Sozialdystopie auf einem stets dem fiesen Grinsen verschriebenen Festival wie diesem?! Der Däne How to get Rid of the Others bleibt nur im allerätzendsten Sarkasmus erträglich. Der rotzfreche Roundhousekick spielt die Stammtischparolen durch und erstellt ein Szenario, in welchem die BILD nichts mehr zu schreiben hätte, würden ihre Empörungen doch standesgemäß Konsequenzen nach sich führen: Sozialschmarotzer und solche, als welche die Masse der Gesellschaft sie brandmarkt (Behinderte, Alkis, Künstler) werden in Schulgebäude interniert und per Schnellprozess zum Tode verurteilt, so sie denn den Staat mehr kosten, als sie ihm einbringen. Schluss mit dem Gerede, jetzt unternimmt der Staat mithilfe seines Militärs endlich einmal etwas. Anders Rønnow Klarlund schaffte in seinem zwischen Zynismus und Erschrecken pendelndem Werk den vermutlich schockierensten Film des ganzen Festivals. Rezeptionstechnisch immer wieder interessant zu beobachten, wie das Publikum herausgefordert wird, und solch einem ehrlichen Werk nicht standhalten kann, seine innere Unruhe bekämpft, indem es viel zu häufig in selbstberuhigendes Gelächter ausbricht. Dem monströsen Screenplay, welches den Grundgedanken ideenreich ausformuliert, lasten ein paar Fussel an, Spielereien, Komödiantisches, Überzogenes. Nichtsdestotrotz findet sich in How to get Rid of the Others eine politisches, durchaus sehr ernst gemeintes Anliegen, welches eine größere Bühne verdient hätte.
Was gibt es Schöneres als einen kitschigen Liebesfilm auf einem vornehmlich dem Nerdtum verschrieben Festival wie diesem?! Der belgisch-niederländische Blind erzählt ein Märchen über 2 Außenseiter, die zueinander finden und sich doch über gesellschaftliche Barrieren, Normvorstellungen und das eigene niedrige Selbstwertgefühl hinwegsetzen müssen, um zu ihrem eigentlich so einfachen Ziel zu gelangen. Ruben ist blind und wird von der Albino Marie als Hausmädchen gehütet. Als er nach einer Augenoperation wieder sehen kann, flüchtet Marie aus Angst nun die Liebe zu verlieren. Das Selbstzerstörerische, was dieser altmodischen, farbentfilterten und schneeweißen, tieftraurigen und von Regieneuling Tamar van den Dop virtuos inszenierten Geschichte innewohnt ist kaum auszuhalten. Voll poetischer Nostalgie rauscht der Film dank seiner grandiosen Optik, dem Score und den starken Darstellerleistungen beinahe leise und bedächtig an einem vorbei. Wieder so ein Fall von Aufmerksamkeitsmangel der größeren Festivals, wieder muss man einen lauten Seufzer ausstoßen.
Was gibt es Schöneres als eine als Vampirfilm deklarierte einfache und romantische Coming-of-Age-Geschichte auf so einem nach Monstern und Mythen schreienden Festival?! Der inzwischen allseits bekannte Schwede Let the Right One In erzählt - ähnlich dem oben erwähnten Blind - eine Geschichte von 2 Außenseitern, die in einer feindlichen Umgebung zueinander finden. Oskar ist ein Verstoßener von allen Seiten (geschiedene Eltern, Schulstress, drangsalierende Mitschüler) und Eli braucht trotz humanistischem Profil Blut, dass ihr gealterter Liebhaber (hier nun Vaterersatz) als sich Aufopfernder heran schafft. Die Spannung des sehr leisen, ebenfalls in nüchternen, unterkühlten Bildern eingefangenen Tragiestücks ergibt sich aus den Überlegungen über die Konsequenzen: Was für eine Zukunft hat diese aufblühende Zuneigung zwischen den beiden Kindern? Mit diesem stets über der Geschichte lauernden Gedanken wirkt Let the Right One In wie der große, ernste Bruder von Blind.
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Was gibt es Schöneres als einen kitschigen Liebesfilm auf einem vornehmlich dem Nerdtum verschrieben Festival wie diesem?! Der belgisch-niederländische Blind erzählt ein Märchen über 2 Außenseiter, die zueinander finden und sich doch über gesellschaftliche Barrieren, Normvorstellungen und das eigene niedrige Selbstwertgefühl hinwegsetzen müssen, um zu ihrem eigentlich so einfachen Ziel zu gelangen. Ruben ist blind und wird von der Albino Marie als Hausmädchen gehütet. Als er nach einer Augenoperation wieder sehen kann, flüchtet Marie aus Angst nun die Liebe zu verlieren. Das Selbstzerstörerische, was dieser altmodischen, farbentfilterten und schneeweißen, tieftraurigen und von Regieneuling Tamar van den Dop virtuos inszenierten Geschichte innewohnt ist kaum auszuhalten. Voll poetischer Nostalgie rauscht der Film dank seiner grandiosen Optik, dem Score und den starken Darstellerleistungen beinahe leise und bedächtig an einem vorbei. Wieder so ein Fall von Aufmerksamkeitsmangel der größeren Festivals, wieder muss man einen lauten Seufzer ausstoßen.
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Was gibt es Schöneres als eine als Vampirfilm deklarierte einfache und romantische Coming-of-Age-Geschichte auf so einem nach Monstern und Mythen schreienden Festival?! Der inzwischen allseits bekannte Schwede Let the Right One In erzählt - ähnlich dem oben erwähnten Blind - eine Geschichte von 2 Außenseitern, die in einer feindlichen Umgebung zueinander finden. Oskar ist ein Verstoßener von allen Seiten (geschiedene Eltern, Schulstress, drangsalierende Mitschüler) und Eli braucht trotz humanistischem Profil Blut, dass ihr gealterter Liebhaber (hier nun Vaterersatz) als sich Aufopfernder heran schafft. Die Spannung des sehr leisen, ebenfalls in nüchternen, unterkühlten Bildern eingefangenen Tragiestücks ergibt sich aus den Überlegungen über die Konsequenzen: Was für eine Zukunft hat diese aufblühende Zuneigung zwischen den beiden Kindern? Mit diesem stets über der Geschichte lauernden Gedanken wirkt Let the Right One In wie der große, ernste Bruder von Blind.
Freitag, 6. Februar 2009
Fantasy Film Fest 2008 # 3
Talking about Trash: Wenig Gutes gab es da zu berichten. Gefallen hat der überschwenglich-überbordende 36 PASOS aus Argentinien. Ein Low-Budget-Digital-Sonnengemüt, dass zwischen funktionsuntüchtigem Slasher, blendend gelaunter Daily Soap und Softsexsatire seinen ganz eigenen Weg geht. Nichts als ungewollter Trash war für meine Begriffe auch der zweite Opener des Festivals in meiner Stadt AN EMPRESS AND THE WARRIORS. Der Chinese ist ein hochkitschiger, pathetischer Low-Budget-Hochglanz, der die ewige Liebe, Heldenverehrung und Stolz herausstellt und dabei primitiv zwischen kinderfreundlichem Familienfilm, Bollywoodkitsch und Hollywoodpopanz tänzelt, dass es vor unfreiwilliger Komik nur so spritzt.Ein ganz unorigineller Versuch das zu toppen machte IT'S ALIVE, ein furchtbar biederer und lahmer Fötenhorror, der nach 70 Minuten Langeweile - wohl vor allem aus eigenem Unvermögen - erst entscheidet trashig zu werden. Na dann, Prost Mahlzeit. Einer, der es da schon ernster meint mit seinem Spassfaktor ist DANCE OF THE DEAD, Kinderquatsch mit Michael für die Nachtschiene, in Ironie getunktes Klischeetheater. In die gleiche Richtung streckt sich der Niveau-Bungee-Athlet THE RAGE. Und dann noch Grütze ohne Geschmack: LADY BLOOD, furchbarer mit Gore versetzter Krimi auf Tatort-Niveau. Kommt davon, wenn man einen Film einlädt, den das Festival selbst vorher nicht gesehen hat.
Kommen wir zum gehobenen Trash. JACK BROOKS: MONSTER SLAYER. Durchaus mit anzusehen, wie die Monster im Schulflur zur Strecke gebracht werden. Hat immerhin keinen "Haha"-Anspruch, den er dann nicht einlösen kann, sondern will nicht mehr sein als nette Actionunterhaltung. MY NAME IS BRUCE - Naja, vielleicht noch so ein wenig rustikaler Charme, aber eigentlich leider nur ein laues Lüftchen. Der andere Selbstreferenzo, von dem das ganze Festival sprach und der dann final auch den Fresh Blood Award mit nahm: J.C.V.D natürlich. Jean-Claude van Damme im Dickicht seines eigenen Mythos. Präsentiert und einen nicht so ganz stimmigen Mix aus Gaunerkomödie und selbstreferentiellem Trockenhumor, wobei Zweiteres funktioniert und den Film goutierbar macht. Van Dammes improvisierter Monolog in der Mitte des Films kann in seiner offensichtlichen Ehrlichkeit sowohl als lächerlich oder auch aufrichtig gesehen werden. Aber doch lieber positiv besetzten das Ganze. Haben sie sich verdient, unsere Muscles from Brussels.
2 Filme außer Trashkonkurrenz: Dario Argentos MOTHER OF TEARS Meinte ich der Monster Slayer wäre der beste Trash des Festivals? Falsch, natürlich ist Argentos okkulter Kindergrusel noch amüsanter. Höhepunkt: Udo Kier als der Geistliche Johannes. Hab zugunsten einer etwas günstigeren Nahverkehrsanbindung dennoch auf die letzten 20 Minuten verzichtet. Sorry, Dario! bis dahin aber schon unvergleichlich. Dem obszönen Assi-Brett MUM & DAD hingegen fieberte ich wild entgegen und wurde enttäuscht. Leider zu uninspirierte Umsetzung eines Themas aus dem man mehr hätte machen müssen. Manchmal einfach nur auf billigen Effekt (=Ekel) setzend, versuchen die Macher sich an einer Satire - ein Vorhaben, welches nur streckenweise gelingt - und befördern damit auch die Distanz zwischen Figuren und Zuschauer. Am Ende bleibt nicht mehr als der Eindruck eines bizarren Low-Budget-Meuchlers im Stile eines Neighborhood Watch vom FFF 06.
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Kommen wir zum gehobenen Trash. JACK BROOKS: MONSTER SLAYER. Durchaus mit anzusehen, wie die Monster im Schulflur zur Strecke gebracht werden. Hat immerhin keinen "Haha"-Anspruch, den er dann nicht einlösen kann, sondern will nicht mehr sein als nette Actionunterhaltung. MY NAME IS BRUCE - Naja, vielleicht noch so ein wenig rustikaler Charme, aber eigentlich leider nur ein laues Lüftchen. Der andere Selbstreferenzo, von dem das ganze Festival sprach und der dann final auch den Fresh Blood Award mit nahm: J.C.V.D natürlich. Jean-Claude van Damme im Dickicht seines eigenen Mythos. Präsentiert und einen nicht so ganz stimmigen Mix aus Gaunerkomödie und selbstreferentiellem Trockenhumor, wobei Zweiteres funktioniert und den Film goutierbar macht. Van Dammes improvisierter Monolog in der Mitte des Films kann in seiner offensichtlichen Ehrlichkeit sowohl als lächerlich oder auch aufrichtig gesehen werden. Aber doch lieber positiv besetzten das Ganze. Haben sie sich verdient, unsere Muscles from Brussels.
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2 Filme außer Trashkonkurrenz: Dario Argentos MOTHER OF TEARS Meinte ich der Monster Slayer wäre der beste Trash des Festivals? Falsch, natürlich ist Argentos okkulter Kindergrusel noch amüsanter. Höhepunkt: Udo Kier als der Geistliche Johannes. Hab zugunsten einer etwas günstigeren Nahverkehrsanbindung dennoch auf die letzten 20 Minuten verzichtet. Sorry, Dario! bis dahin aber schon unvergleichlich. Dem obszönen Assi-Brett MUM & DAD hingegen fieberte ich wild entgegen und wurde enttäuscht. Leider zu uninspirierte Umsetzung eines Themas aus dem man mehr hätte machen müssen. Manchmal einfach nur auf billigen Effekt (=Ekel) setzend, versuchen die Macher sich an einer Satire - ein Vorhaben, welches nur streckenweise gelingt - und befördern damit auch die Distanz zwischen Figuren und Zuschauer. Am Ende bleibt nicht mehr als der Eindruck eines bizarren Low-Budget-Meuchlers im Stile eines Neighborhood Watch vom FFF 06.
Donnerstag, 5. Februar 2009
Fantasy Film Fest 2008 # 2
Wenn sich das Fantasy Film Fest noch immer als vornehmliches Genrefestival versteht, dann erwartet man allerdings auch den einen oder anderen wirklich anständigen Beitrag vor die Augen zu bekommen. So ganz Aussieben lässt sich bei 70 Filmen der Schrott ja nie, aber umso größer ist die Freude, wenn dann mal wieder eine kleine Perle reinster Genreliebe an Bord ist. In 100 FEET spielt Famke Janssen eine frisch frei gekommene Frau, die eine Weile im Knast saß, weil sie ihren brutalen Cop-Ex-Mann umbrachte. Der trachtet ihr im alten Ehe-aka-Spuk-Haus nach dem Leben und dumm nur dass sie die Auflage hat sich nicht weiter als 100 Feet von eben diesem zu entfernen. Neben dieser Panic Room meets Geisterhaus-Geschichte ist 100 Feet auch ein großes Stück Geschichte über Trauma und Traumabewältigung. Die erste Einstellung gleitet alsdann von einem Riesenfriedhof zur New Yorker Skyline, selbstredend ohne die beiden Türme. Da heutzutage kaum mehr ein Film ohne eine starke Frauenfigur auskommt, sehen wir Milf Janssen kämpfen ("This is my house!"), sich ein Post-Noirsches Spielchen mit dem Ex-Partner ihres getöteten Ehemanns Bobby Cannavale liefern und als "next step in life" den Nachbarsjungen verführen. Dessen Todeskampf mit dem gehörnten Geist des Hauses gehört auch zum Eindrucksvollsten und Brutalsten, was ich dieses Jahr auf der Leinwand zu sehen bekam. Das feurige Ende von Eric Reds Grusel-Mix ist dann zwar etwas over the top, aber das stört nicht mehr nach 100 Minuten bester Unterhaltung.
100 Feet sollte man sich beim diesjährigen Festival auch nicht vom Gelände wagen, denn was einen da hinter dem Kinopalast erwartete war der passende Grusel zum im Kino dargebotenen. Überall existieren ja die "urban legends" über die Wäldchen, in welchen Homosexuelle sich wortlos und zumeist unverabredet zum rein körperlichen Liebesakt treffen. Ich nun meinerseits gehe in den Pausen zwischen den Filmen gerne ein wenig frische Luft schnappen und da ist der Park hinterm Kino geradezu perfekt geeignet. So kam es dann auch, wie es kommen muss und ich konnte interessanten Schauspielen beiwohnen. Nicht falsch verstehen, man lasse jedem seine schmutzigen kleinen Geheimnisse. Nur, umso häufiger und umso länger man dort sitzt, desto größer die Wahrscheinlichkeit ungewollt bald selbst Teil der Vorgeplänkel zu werden. Raus in den Busch, rein in den Busch, wieder raus und nochmal gucken ob der junge Mann auf der Parkbank (moi) nicht doch mit in den Busch will. Höhepunkt war dann ein älterer Herr, der es schaffte innerhalb von 5 Minuten acht Mal an meiner Bank vorbei zu gehen mit klaffend großen, geifernd gaffenden Augen. Erst ein "Nee, danke" meinerseits konnte die Szene dann auflösen. [CDU-Modus on]Nicht mal im Park hat man mehr seine Ruhe vor diesen Gestalten[CDU-Modus off]
Ein weiterer von mir mit freundlichem Lächeln bedachter Zeitgenosse war der Opener EDEN LAKE, der das Festival zugleich gebührend einleutete. Nachdem der Film von allen erdenklichen Seiten ja gebasht wurde, musste ich schon meine Stirn runzeln, die Verrisse allerorten konnte ich aber kaum nachvollziehen. James Watkins Backwood-Horror ist ein kleiner, äußerst pessimistischer Genrefreund, der das in England aktuelle Thema der Jugendgewalt thematisiert und gleichzeitig die Frage aufwirft, wer denn hier Angst hat vorm "white trash". Anstatt nun aber die bösen Kids gegen die guten Urbanistas abzugrenzen, greifen diese - ganz dem klassischen Revenge-Motiv - selbst zur Brutalität als Gegenmittel. Tier bleibt eben Tier und die zivilisatorischen Errungenschaften bleiben auf der Strecke. England bleibt sprichwörtlich im Reifen stecken und wird von überbordendender Gruppenaggression zunichte gemacht - das schwächste Glied in der Gruppe der Jungs wird von diesen mit Benzin übergossen und verbrennt. Unter dem tierischen Schild der Aggression strukturieren sich Hierarchien. Wie bei 100 Feet braucht es dann hier auch die starke Post-Feministin, die ihren im angriffslustigen Akt für das Desaster verantwortlichen Mann blutig verteidigt. Das Ende ist dann nochmal ein brachial-pessimistischer Draufhauer und lässt auch die 20 Liebeskitsch-Minuten aus dem Mittelteil vergessen, welche den Film kurzzeitig aus der Bahn geworfen haben.
Und noch ein Genrefilm der stärkeren Sorte: THE STRANGERS ist ein Terrorfilm par exellence. Pärchen wird im Haus von drei maskierten Unbekannten beobachtet und dann gemächlich nach und nach verängstigt. Feinstes Affektkino, in welchem nach sich Zeit nehmendem Spannungsaufbau der Hammer vollends zuschlägt. Bryan Bertinos Film lotet geschickt sein Raumgefüge (Haus, Vorhof, Wald) aus und spielt mit der nötigen Eleganz aus Zeigen und Nicht-Zeigen mit den Unsicherheiten seines Publikums. Affektkino, die Zweite - HUSH - Ein ebenso gelungener Genrevertreter wie The Strangers mit den gleichen Schwächen, über die man hinwegblicken muss. Eine kleine - leicht Dueleske - Abhandlung über menschlichen Egoismus, die gegen Ende aber nicht vertieft wird. Wird den Erwartungen aber durchaus gerecht.
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100 Feet sollte man sich beim diesjährigen Festival auch nicht vom Gelände wagen, denn was einen da hinter dem Kinopalast erwartete war der passende Grusel zum im Kino dargebotenen. Überall existieren ja die "urban legends" über die Wäldchen, in welchen Homosexuelle sich wortlos und zumeist unverabredet zum rein körperlichen Liebesakt treffen. Ich nun meinerseits gehe in den Pausen zwischen den Filmen gerne ein wenig frische Luft schnappen und da ist der Park hinterm Kino geradezu perfekt geeignet. So kam es dann auch, wie es kommen muss und ich konnte interessanten Schauspielen beiwohnen. Nicht falsch verstehen, man lasse jedem seine schmutzigen kleinen Geheimnisse. Nur, umso häufiger und umso länger man dort sitzt, desto größer die Wahrscheinlichkeit ungewollt bald selbst Teil der Vorgeplänkel zu werden. Raus in den Busch, rein in den Busch, wieder raus und nochmal gucken ob der junge Mann auf der Parkbank (moi) nicht doch mit in den Busch will. Höhepunkt war dann ein älterer Herr, der es schaffte innerhalb von 5 Minuten acht Mal an meiner Bank vorbei zu gehen mit klaffend großen, geifernd gaffenden Augen. Erst ein "Nee, danke" meinerseits konnte die Szene dann auflösen. [CDU-Modus on]Nicht mal im Park hat man mehr seine Ruhe vor diesen Gestalten[CDU-Modus off]
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Ein weiterer von mir mit freundlichem Lächeln bedachter Zeitgenosse war der Opener EDEN LAKE, der das Festival zugleich gebührend einleutete. Nachdem der Film von allen erdenklichen Seiten ja gebasht wurde, musste ich schon meine Stirn runzeln, die Verrisse allerorten konnte ich aber kaum nachvollziehen. James Watkins Backwood-Horror ist ein kleiner, äußerst pessimistischer Genrefreund, der das in England aktuelle Thema der Jugendgewalt thematisiert und gleichzeitig die Frage aufwirft, wer denn hier Angst hat vorm "white trash". Anstatt nun aber die bösen Kids gegen die guten Urbanistas abzugrenzen, greifen diese - ganz dem klassischen Revenge-Motiv - selbst zur Brutalität als Gegenmittel. Tier bleibt eben Tier und die zivilisatorischen Errungenschaften bleiben auf der Strecke. England bleibt sprichwörtlich im Reifen stecken und wird von überbordendender Gruppenaggression zunichte gemacht - das schwächste Glied in der Gruppe der Jungs wird von diesen mit Benzin übergossen und verbrennt. Unter dem tierischen Schild der Aggression strukturieren sich Hierarchien. Wie bei 100 Feet braucht es dann hier auch die starke Post-Feministin, die ihren im angriffslustigen Akt für das Desaster verantwortlichen Mann blutig verteidigt. Das Ende ist dann nochmal ein brachial-pessimistischer Draufhauer und lässt auch die 20 Liebeskitsch-Minuten aus dem Mittelteil vergessen, welche den Film kurzzeitig aus der Bahn geworfen haben.
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Und noch ein Genrefilm der stärkeren Sorte: THE STRANGERS ist ein Terrorfilm par exellence. Pärchen wird im Haus von drei maskierten Unbekannten beobachtet und dann gemächlich nach und nach verängstigt. Feinstes Affektkino, in welchem nach sich Zeit nehmendem Spannungsaufbau der Hammer vollends zuschlägt. Bryan Bertinos Film lotet geschickt sein Raumgefüge (Haus, Vorhof, Wald) aus und spielt mit der nötigen Eleganz aus Zeigen und Nicht-Zeigen mit den Unsicherheiten seines Publikums. Affektkino, die Zweite - HUSH - Ein ebenso gelungener Genrevertreter wie The Strangers mit den gleichen Schwächen, über die man hinwegblicken muss. Eine kleine - leicht Dueleske - Abhandlung über menschlichen Egoismus, die gegen Ende aber nicht vertieft wird. Wird den Erwartungen aber durchaus gerecht.
Mittwoch, 4. Februar 2009
Fantasy Film Fest 2008 # 1
Besser viel zu spät als nie. Eine kleine Nachbetrachtung des Fantasy Film Fests des letzten Jahres, denn 8 geschlagene Tage im Kino zu sitzen ohne daraus dann ein wenig Wortsalat zu basteln ist ja doch ein wenig unverschämt.
Ein dezenter Hinweis genügt - mancherlei Filme sah ich bereits im Vorfeld - Shiver und Transsiberian auf der Berlinale, The Art of Negative Thinking gesondert, Waltz with Bashir nun bereits ein zweites Mal.
Zur Waltz Sichtung auf dem Filmfest aber noch soviel: Ich hatte das grandiose Unglück hinter mir zwei höchst uninteressierte, filmapathische und unsensible Zeitgenossen im Rücken zu haben. Wer den Film kennt weiß ja, das die Endsequenzen Magengrubenschaufeln der heftigen Art sind. Wer diesen Bildern nun zynischst manipulative Wirkung zuschreibt oder sie gar den kompletten Film verneinen sieht, der würde damit wohl kein Problem gehabt haben - die beiden Herren hinter mir tauschten sich jedenfalls eifrigst über ihre Abendgestaltung und Zeitpläne aus und, obwohl ich ein Verfechter eines gelassenen Umgangs miteinander im Kinosaal bin (Böse Blicke bringen mich meist zum Schmunzeln), war das doch zuviel des Schlechten. Blöd nur, dass einem ja gerade die Spucke, als selbstverständlich auch die Worte wegbleiben in solch einem Moment.
Enttäuscht ist man in solchen Situationen vom Menschen an und für sich. Fragen drängen sich auf. Warum geht der Großteil des Volkes eigentlich ins Kino, wenn die Sensibilität für Kunst gleich null ist? Kino gilt heutzutage als Beschäftigungsangebot gleich neben ins Freibad gehen und Eis essen. Jeder tut's. Schön ist das, und doch befremdlich, weil so viele Laien hineinströmen in die Säle und irgendwie stets "einen anderen Film schieben" als derjenige, der dort gezeigt wird. Oder irgendwie nur verdutzt sind und mehr als den Inhalt und ein "irgendwie interessant" dazu nicht abgeben können. Zu Hause wartet ja auch wieder der Abwasch und der Film ist schneller vergessen als politische Missetaten von hochrangigen Amtsträgern.
Aber glücklicherweise gibt's ja auch Ausnahmen. José aus Mexiko ist eigentlich Informatiker und gibt seine gesamte Freizeit und das gut verdiente Geld für Filme und Kino aus. Wir schauen gemeinsam den Midnight Meat Train. Ein Film, wie er auf dieses Festival gehört. In schicker Videoclipästhetik ("Jeder shot ein Foto!") und Game-Optik verfolgt Butcher Vinnie Jones unseren Protagonisten, der sich als Fotograf seinem Objekt der Begierde annähert, und diese Tatsache am Ende auch den Trieb zur dunklen Seite überstrapazieren lässt. World's gonna mad. Und dem Individuum kann's ob seiner aggressiven, zivilisatorisch verdeckten Aura nur recht sein. Zuvor erstrahlt der Butcher im hellen Licht der kleinen Kamera. Als Mittelpunkt gefällt er sich, obwohl das Spiel für beide Seiten doch so gefährlich ist. Voyeurismus gehört eben zum menschlichen Geschäft. Auf der Strecke bleibt da nur die Liebe zum holden Weibe, dass es hier ausnahmsweise einmal nicht schafft den Mann in die heilere, warme Welt zurückzuführen. Stattdessen wird sie anal penetriert und am Ende umgebracht. That's life.
Ryûhei Kitamura inszeniert diese oldschoolig anmutenden Blutleckerei ziemlich postmodern, doch das trägt nur zur angenehmen Kurzweil bei. Der Film ist ein wirklich süßer Bastard und feinste Genrekost. Das konnte man von vielen anderen Slashern und Blutklauberern nicht sagen. Der amerikanische XII stellte sich beispielsweise als Rebell in Turnschuhen heraus. Billigste DV-Ästhetik und ein dramaturgisches Desaster auf dem Niveau einer Daily Soap. Auch der Minimal-Versuch Shuttle leidet an einer zerfahrenen Grundausstattung. Ein schmächtiger Busfahrer kidnapped 5 Jugendliche im Shuttlebus. Und die kommen da nicht frei? Das Ende und sein hübsches Anliegen retten den Film nicht mehr, machen ihn aber zur immerhin besseren DV-Kost. Und nochmal Australien: Dying Breed ist ein gradlinig haushaltender Backwood-Slasher. Immerhin keine "Ich zeig dir mal wie Low-Budget ich bin, Digger" Nummer. Dafür aber auch nicht wirklich inspirierend.
+++
Ein dezenter Hinweis genügt - mancherlei Filme sah ich bereits im Vorfeld - Shiver und Transsiberian auf der Berlinale, The Art of Negative Thinking gesondert, Waltz with Bashir nun bereits ein zweites Mal.
Zur Waltz Sichtung auf dem Filmfest aber noch soviel: Ich hatte das grandiose Unglück hinter mir zwei höchst uninteressierte, filmapathische und unsensible Zeitgenossen im Rücken zu haben. Wer den Film kennt weiß ja, das die Endsequenzen Magengrubenschaufeln der heftigen Art sind. Wer diesen Bildern nun zynischst manipulative Wirkung zuschreibt oder sie gar den kompletten Film verneinen sieht, der würde damit wohl kein Problem gehabt haben - die beiden Herren hinter mir tauschten sich jedenfalls eifrigst über ihre Abendgestaltung und Zeitpläne aus und, obwohl ich ein Verfechter eines gelassenen Umgangs miteinander im Kinosaal bin (Böse Blicke bringen mich meist zum Schmunzeln), war das doch zuviel des Schlechten. Blöd nur, dass einem ja gerade die Spucke, als selbstverständlich auch die Worte wegbleiben in solch einem Moment.
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Enttäuscht ist man in solchen Situationen vom Menschen an und für sich. Fragen drängen sich auf. Warum geht der Großteil des Volkes eigentlich ins Kino, wenn die Sensibilität für Kunst gleich null ist? Kino gilt heutzutage als Beschäftigungsangebot gleich neben ins Freibad gehen und Eis essen. Jeder tut's. Schön ist das, und doch befremdlich, weil so viele Laien hineinströmen in die Säle und irgendwie stets "einen anderen Film schieben" als derjenige, der dort gezeigt wird. Oder irgendwie nur verdutzt sind und mehr als den Inhalt und ein "irgendwie interessant" dazu nicht abgeben können. Zu Hause wartet ja auch wieder der Abwasch und der Film ist schneller vergessen als politische Missetaten von hochrangigen Amtsträgern.
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Aber glücklicherweise gibt's ja auch Ausnahmen. José aus Mexiko ist eigentlich Informatiker und gibt seine gesamte Freizeit und das gut verdiente Geld für Filme und Kino aus. Wir schauen gemeinsam den Midnight Meat Train. Ein Film, wie er auf dieses Festival gehört. In schicker Videoclipästhetik ("Jeder shot ein Foto!") und Game-Optik verfolgt Butcher Vinnie Jones unseren Protagonisten, der sich als Fotograf seinem Objekt der Begierde annähert, und diese Tatsache am Ende auch den Trieb zur dunklen Seite überstrapazieren lässt. World's gonna mad. Und dem Individuum kann's ob seiner aggressiven, zivilisatorisch verdeckten Aura nur recht sein. Zuvor erstrahlt der Butcher im hellen Licht der kleinen Kamera. Als Mittelpunkt gefällt er sich, obwohl das Spiel für beide Seiten doch so gefährlich ist. Voyeurismus gehört eben zum menschlichen Geschäft. Auf der Strecke bleibt da nur die Liebe zum holden Weibe, dass es hier ausnahmsweise einmal nicht schafft den Mann in die heilere, warme Welt zurückzuführen. Stattdessen wird sie anal penetriert und am Ende umgebracht. That's life.
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Ryûhei Kitamura inszeniert diese oldschoolig anmutenden Blutleckerei ziemlich postmodern, doch das trägt nur zur angenehmen Kurzweil bei. Der Film ist ein wirklich süßer Bastard und feinste Genrekost. Das konnte man von vielen anderen Slashern und Blutklauberern nicht sagen. Der amerikanische XII stellte sich beispielsweise als Rebell in Turnschuhen heraus. Billigste DV-Ästhetik und ein dramaturgisches Desaster auf dem Niveau einer Daily Soap. Auch der Minimal-Versuch Shuttle leidet an einer zerfahrenen Grundausstattung. Ein schmächtiger Busfahrer kidnapped 5 Jugendliche im Shuttlebus. Und die kommen da nicht frei? Das Ende und sein hübsches Anliegen retten den Film nicht mehr, machen ihn aber zur immerhin besseren DV-Kost. Und nochmal Australien: Dying Breed ist ein gradlinig haushaltender Backwood-Slasher. Immerhin keine "Ich zeig dir mal wie Low-Budget ich bin, Digger" Nummer. Dafür aber auch nicht wirklich inspirierend.
Dienstag, 3. Februar 2009
Rachel Getting Married
Jonathan Demme, USA 2008
Sie gilt als abgeschlossen und wurde gar eifrigst auf einer Pressekonferenz anno 2005 im großen Stil verabschiedet - die Dogma 95 Bewegung. Aber kann solch eine Bewegung einfach so als historische Epoche abgesteckt werden? Fakt ist, dass die Dogma-Bewegung einen bleibenden Eindruck hinterlassen hat in der Filmlandschaft. Auch heute noch lässt sich das ablesen. Bestenfalls in wirklich guten Filmen.
RACHEL GETTING MARRIED ist solch ein Glücksfall. Der Film erzählt von einer hoch dysfunktionalen Familie in einer klischeefreien Authentizität, das es beinahe beängstigend ist. Mit der Kamera auf der Schulter schmeißt sich das Team in ein Getümmel aus Lebensfreude und Depression, aus in den Gesichtern der Figuren arbeitenden Vergangenheiten und Gegenwarten voller gemischter Gefühle. Kym (Anne Hathaway) kommt aus der Entzugsklinik um der Hochzeit ihrer Schwester Rachel (Rosemarie DeWitt) beiwohnen zu können. Hier nun, auf der Hochzeit, verweilen wir mit den Protagonisten. Rachel heiratet einen Afroamerikaner, die beiden Familien verstehen sich blendend, wenngleich es Risse in Kyms Familie gibt.
Diese Hochzeitsfeier gerät also zum Mittelpunkt. Das Zelebrieren dieses einen besonderen - in diesem Fall auch betont multikulturellen - Moments macht die eine Seite des Films aus. Es wird getanzt, gelacht, gescherzt, das Leben genossen. Die unmittelbare Hineingeworfenheit ins Geschehen, dieses ganz offensichtlich familiäre Zusammenkommen der Filmcrew, die Szenen in denen man sich einfach fühlt als sei man bei einem Hi8 Filmabend dabei und schaue sich mit seinen Freunden nochmal die alten Hochzeitsvideos an, die Momente in denen der Film los lässt und bei minutenlangen Musikszenen verweilt - dieser vermeintlich kleine Film vermittelt eine Lebensfreude, dass man beinahe wehmütig werden könnte.
Und dann gibt es dieses andere Gesicht. Kym ist - wie viele Figuren in dem Stück, man schaue nur auf den sorgenden Vater und die kühle Mutter - eine höchst ambivalente Figur. Sie nimmt uns an die Hand und ist die zentrale Bezugsperson für uns. Doch dann bemerken wir ihre Fragilität, spüren ihre unglaubliche Egozentriertheit und befinden uns im Dilemma an sie ja gebunden zu sein. Glücklicherweise weiß sich die Kamera auch mal zu lösen (siehe oben), und doch bleibt die Hathaway die tragische Figur im Stück. Bemitleidenswert. Nervig. Fremdscham herauskitzelnd. Unsympathisch. Sympathisch. Ein Meisterstück an Schauspielerei.
Der Film hält uns eindrucksvoll vor Augen wie einmalig und zerbrechlich zugleich unsere abgesteckten Lebensmomente sind. Wie dicht Freud und Leid beieinander liegen, wie sie koexistieren müssen. Zwischen den Freudentränen und denen des Schmerzes liegen Momente, so dicht ist das Leben in dieser engen Zeitspanne. RACHEL GETTING MARRIED erzählt wie im Nebenher von Seelenzuständen, von psychologischen Beschaffenheiten, von Beziehungskonstellationen, die unmittelbare Auswirkungen auf Identitätsentwicklungen haben, deren Ergebnis wir nun hier präsentiert bekommen. Dieses Hochzeitsbankett ist zugleich eine Ode an die Lebenslust als auch ein tieftrauriger Blick auf menschliches Miteinander.
Sie gilt als abgeschlossen und wurde gar eifrigst auf einer Pressekonferenz anno 2005 im großen Stil verabschiedet - die Dogma 95 Bewegung. Aber kann solch eine Bewegung einfach so als historische Epoche abgesteckt werden? Fakt ist, dass die Dogma-Bewegung einen bleibenden Eindruck hinterlassen hat in der Filmlandschaft. Auch heute noch lässt sich das ablesen. Bestenfalls in wirklich guten Filmen.RACHEL GETTING MARRIED ist solch ein Glücksfall. Der Film erzählt von einer hoch dysfunktionalen Familie in einer klischeefreien Authentizität, das es beinahe beängstigend ist. Mit der Kamera auf der Schulter schmeißt sich das Team in ein Getümmel aus Lebensfreude und Depression, aus in den Gesichtern der Figuren arbeitenden Vergangenheiten und Gegenwarten voller gemischter Gefühle. Kym (Anne Hathaway) kommt aus der Entzugsklinik um der Hochzeit ihrer Schwester Rachel (Rosemarie DeWitt) beiwohnen zu können. Hier nun, auf der Hochzeit, verweilen wir mit den Protagonisten. Rachel heiratet einen Afroamerikaner, die beiden Familien verstehen sich blendend, wenngleich es Risse in Kyms Familie gibt.
Diese Hochzeitsfeier gerät also zum Mittelpunkt. Das Zelebrieren dieses einen besonderen - in diesem Fall auch betont multikulturellen - Moments macht die eine Seite des Films aus. Es wird getanzt, gelacht, gescherzt, das Leben genossen. Die unmittelbare Hineingeworfenheit ins Geschehen, dieses ganz offensichtlich familiäre Zusammenkommen der Filmcrew, die Szenen in denen man sich einfach fühlt als sei man bei einem Hi8 Filmabend dabei und schaue sich mit seinen Freunden nochmal die alten Hochzeitsvideos an, die Momente in denen der Film los lässt und bei minutenlangen Musikszenen verweilt - dieser vermeintlich kleine Film vermittelt eine Lebensfreude, dass man beinahe wehmütig werden könnte.
Und dann gibt es dieses andere Gesicht. Kym ist - wie viele Figuren in dem Stück, man schaue nur auf den sorgenden Vater und die kühle Mutter - eine höchst ambivalente Figur. Sie nimmt uns an die Hand und ist die zentrale Bezugsperson für uns. Doch dann bemerken wir ihre Fragilität, spüren ihre unglaubliche Egozentriertheit und befinden uns im Dilemma an sie ja gebunden zu sein. Glücklicherweise weiß sich die Kamera auch mal zu lösen (siehe oben), und doch bleibt die Hathaway die tragische Figur im Stück. Bemitleidenswert. Nervig. Fremdscham herauskitzelnd. Unsympathisch. Sympathisch. Ein Meisterstück an Schauspielerei.
Der Film hält uns eindrucksvoll vor Augen wie einmalig und zerbrechlich zugleich unsere abgesteckten Lebensmomente sind. Wie dicht Freud und Leid beieinander liegen, wie sie koexistieren müssen. Zwischen den Freudentränen und denen des Schmerzes liegen Momente, so dicht ist das Leben in dieser engen Zeitspanne. RACHEL GETTING MARRIED erzählt wie im Nebenher von Seelenzuständen, von psychologischen Beschaffenheiten, von Beziehungskonstellationen, die unmittelbare Auswirkungen auf Identitätsentwicklungen haben, deren Ergebnis wir nun hier präsentiert bekommen. Dieses Hochzeitsbankett ist zugleich eine Ode an die Lebenslust als auch ein tieftrauriger Blick auf menschliches Miteinander.
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Montag, 2. Februar 2009
Spartan/Wild Child/The Jacket
David Mamet bemüht sich immer wieder um ziemlich eigenwillige Stoffe, so dass sich zumindest in Genre- oder Storyebenen kaum eine Handschrift erkennen lassen kann. Der Politthriller Spartan beispielsweise könnte auch von einer Hohlbratze gedreht worden sein, so denkt man streckenweise angesichts der beinahe lächerlichen Drehbuchkonstruktionen und Plotwendungen, die uns der Film verkaufen will. Und trotzdem entsteht ein Sog - zugegebenermaßen auch stark gefördert durch die grandiose Musik von Mark Isham. Diese existenzialistische Figurenferne, die uns das Werk aufträgt wird zum seltsamen Moment, der einen Film unerklärlich gut macht.
Ebenso ein in der Theorie dämlich konstruiertes Stück Film ist The Jacket von John Maybury. Allerdings ist diese sich für besonders klug haltende Mystery-Melange ein außerordentliches Ärgernis. Vollkommen over the top wichst sich der Film einen auf seine ach so schlaue Narrativik und übersieht neben seinen Figuren (unglaublich: Adrien Brody und Keira Knightley gaben sich her für den Humbug) auch die desolate Inszenierung. Handwerklich ein Desaster, und da es bei diesem Science-Fiction-Verschnitt nach dem scriptschen Plotchaos letzten Endes nur noch darauf ankommt, fällt The Jacket in allen Belangen komplett durch. Die hinten angeklebte Moral-von-der-Gschicht setzt dem Machwerk dann die Krone auf.
Normalerweise meide ich ja Teen-Komödien, den massiven Kassenerfolg Wild Child aus den USA hielt ich dieses Mal aber tapfer durch. Erstaunlich, was solch eine an die peer group gerichtete Pupertätsgranate so alles propagiert. Neben den auch in Alt-Herren-Filmen gerne gesehenen Themen wie Loyalität und Aufhebung des Klassendenkens (Denkfehler hier schon: Solches gibt es im Internat doch schon automatisch) reden wir hier von Emanzipation und Ablösung. Das dann aber nur, um am Ende in das Steinzeitdenken einer Cheerleader-Choreografie zurück zu fallen, um - tata - den Jungen des Vertrauens zu bekommen. Na, wenn das nicht mal fortschrittliches Denken ist!
Ebenso ein in der Theorie dämlich konstruiertes Stück Film ist The Jacket von John Maybury. Allerdings ist diese sich für besonders klug haltende Mystery-Melange ein außerordentliches Ärgernis. Vollkommen over the top wichst sich der Film einen auf seine ach so schlaue Narrativik und übersieht neben seinen Figuren (unglaublich: Adrien Brody und Keira Knightley gaben sich her für den Humbug) auch die desolate Inszenierung. Handwerklich ein Desaster, und da es bei diesem Science-Fiction-Verschnitt nach dem scriptschen Plotchaos letzten Endes nur noch darauf ankommt, fällt The Jacket in allen Belangen komplett durch. Die hinten angeklebte Moral-von-der-Gschicht setzt dem Machwerk dann die Krone auf.
Normalerweise meide ich ja Teen-Komödien, den massiven Kassenerfolg Wild Child aus den USA hielt ich dieses Mal aber tapfer durch. Erstaunlich, was solch eine an die peer group gerichtete Pupertätsgranate so alles propagiert. Neben den auch in Alt-Herren-Filmen gerne gesehenen Themen wie Loyalität und Aufhebung des Klassendenkens (Denkfehler hier schon: Solches gibt es im Internat doch schon automatisch) reden wir hier von Emanzipation und Ablösung. Das dann aber nur, um am Ende in das Steinzeitdenken einer Cheerleader-Choreografie zurück zu fallen, um - tata - den Jungen des Vertrauens zu bekommen. Na, wenn das nicht mal fortschrittliches Denken ist!
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Sonntag, 1. Februar 2009
Faster, Pussycat! Kill! Kill!
Russ Meyer, USA 1965
Es kommt nicht bei allzu vielen Regisseuren vor, dass sie ein Werk vorlegen, bei dem sich grob die wesentlichen Spezifika ihres Schaffens direkt in der Storyline eingelagert finden lassen. Russ Meyer - dessen Filmografie immerhin 26 Spielfilme umfasst - schaffte dieses Kunststück 1965 mit seinem heute als Standard-Meyer fungierenden FASTER, PUSSYCAT! KILL! KILL!
3 Stripperinnen begeben sich - angwidert vom männlichen Objekt-Begehren - auf eine kleine Spritztour. Jede von ihnen besitzt ihre eigene Sport-Karosserie, ihr Territorium wird den ganzen Film hindurch die Wüste sein. Nachdem sie einen naiven Jungspund das Genick gebrochen haben und dessen Freundin kidnappen, geraten sie auf eine Farm, auf der sich von nun an die Männer des Hauses - ein alter, dominanter Krüppel, ein strunzdummes Muskelpaket und sein halbwegs vernünftiger Bruder - und die grobschlächtigen Damen in Lauerstellung gegenüber stehen.
Meyers "Ode an die Gewalttätigkeit der Frau" kommt weitaus roher, sexuell subtiler und motivisch brachialer daher als seine anderen Werke aus der Schaffensperiode. Nie hat man so wenig Haut gesehen wie in diesem Meyer, und gleichzeitig war man diesem Voyeurismus auch nie so abgeneigt wie hier. Tura Santana als frühe Amy Winehouse, nur fülliger, zielstrebiger, kontrollierter - Haji als begehrende Osteuropäerin monströsen Schlages - Lori Williams als einzige "female lead", die dann auch das sexuelle Begehren erwachen lässt. Die drei Damen haben die gesamte Potenz für sich gepachtet, ihre Hybridfunktion zwischen Östrogen und konnotierter Männlichkeit (Autos, Posen, Jeans) macht sie unberechenbar und gefährlich.
Ihnen gegenüber gestellt ist einerseits die süße Susan Bernard, deren Rolle sich aufs minderjährige Dummchen beschränkt. Die Raubkatzenfütterung, die man stets erwartet, bleibt zwar aus, die lesbischen Konnotationen allerdings liegen in der Luft. Zum Anderen stehen ihnen die drei Herren der Zunft im Weg. Der verbitterte Rollstuhl-Opa, der nebenbei angeblich auch einiges an Knete im Rücken hat, trauert zum einen seiner bei der Geburt der Dumpfbacke von Sohn verstorbenen Ehefrau hinterher, zudem auch um seine Beine, die er verlor, als er einem jungen Mädchen auf der Flucht zu Hilfe eilte. Sein muskelbepackter, aber hohlschädeliger Sohnemann hingegen dient ihm als Prothese, die symbiotische Hassliebe in dieser dysfunktionalen Vater-Sohn-Beziehung wird dem fiesen Zischen der weiblichen Schlangen entgegen gesetzt.
FASTER, PUSSYCAT! KILL! KILL! ist neben dem höchst ungewöhnlichen, kaum einzuordnenden Storyschema auch ein kleiner Genremix. Als weibliches Road-Movie beginnt der Film, bleibt dann aber auf der Farm stecken. Hier startet dann eine Art Post-Western, in welchem in einem eindrucksvollen Bild vier weibliche Beine der Vater-Sohn-Prothese gegenüber stehen. Mit der Seitengeschichte des gekidnappten Mädchens finden sich gar frühe Anklänge eines Backwood-(besser: Wüsten-)Horrors, in welchem die Hinterwälder und Amazonen das arme Mädchen, welches ausbüchst wieder einfangen müssen.
Am Ende muss sich alles zwischen zwei Beziehungskonstellationen entscheiden. Bekommt die Anführerin Tura Santana den einzig vernünftigen Mann in diesem Film, besser gesagt: Kann sie sich ihn schnappen? Der Film gibt ein klares "Nein!" als Antwort, die drei Damen müssen allesamt sterben (Santana gar im Vampirmotiv, mit Blut an den Mundwinkeln), während der Mann mit dem Blondinchen von dannen zieht. Wir denken an Meyer, den Fetischisten und Voyeur und man wagt nicht einzuschätzen, ob dies ein Abgesang auf eine feministische Utopie sein soll, und wenn ja: Ist das ein Happy End?
Es kommt nicht bei allzu vielen Regisseuren vor, dass sie ein Werk vorlegen, bei dem sich grob die wesentlichen Spezifika ihres Schaffens direkt in der Storyline eingelagert finden lassen. Russ Meyer - dessen Filmografie immerhin 26 Spielfilme umfasst - schaffte dieses Kunststück 1965 mit seinem heute als Standard-Meyer fungierenden FASTER, PUSSYCAT! KILL! KILL! 3 Stripperinnen begeben sich - angwidert vom männlichen Objekt-Begehren - auf eine kleine Spritztour. Jede von ihnen besitzt ihre eigene Sport-Karosserie, ihr Territorium wird den ganzen Film hindurch die Wüste sein. Nachdem sie einen naiven Jungspund das Genick gebrochen haben und dessen Freundin kidnappen, geraten sie auf eine Farm, auf der sich von nun an die Männer des Hauses - ein alter, dominanter Krüppel, ein strunzdummes Muskelpaket und sein halbwegs vernünftiger Bruder - und die grobschlächtigen Damen in Lauerstellung gegenüber stehen.
Meyers "Ode an die Gewalttätigkeit der Frau" kommt weitaus roher, sexuell subtiler und motivisch brachialer daher als seine anderen Werke aus der Schaffensperiode. Nie hat man so wenig Haut gesehen wie in diesem Meyer, und gleichzeitig war man diesem Voyeurismus auch nie so abgeneigt wie hier. Tura Santana als frühe Amy Winehouse, nur fülliger, zielstrebiger, kontrollierter - Haji als begehrende Osteuropäerin monströsen Schlages - Lori Williams als einzige "female lead", die dann auch das sexuelle Begehren erwachen lässt. Die drei Damen haben die gesamte Potenz für sich gepachtet, ihre Hybridfunktion zwischen Östrogen und konnotierter Männlichkeit (Autos, Posen, Jeans) macht sie unberechenbar und gefährlich.
Ihnen gegenüber gestellt ist einerseits die süße Susan Bernard, deren Rolle sich aufs minderjährige Dummchen beschränkt. Die Raubkatzenfütterung, die man stets erwartet, bleibt zwar aus, die lesbischen Konnotationen allerdings liegen in der Luft. Zum Anderen stehen ihnen die drei Herren der Zunft im Weg. Der verbitterte Rollstuhl-Opa, der nebenbei angeblich auch einiges an Knete im Rücken hat, trauert zum einen seiner bei der Geburt der Dumpfbacke von Sohn verstorbenen Ehefrau hinterher, zudem auch um seine Beine, die er verlor, als er einem jungen Mädchen auf der Flucht zu Hilfe eilte. Sein muskelbepackter, aber hohlschädeliger Sohnemann hingegen dient ihm als Prothese, die symbiotische Hassliebe in dieser dysfunktionalen Vater-Sohn-Beziehung wird dem fiesen Zischen der weiblichen Schlangen entgegen gesetzt.
FASTER, PUSSYCAT! KILL! KILL! ist neben dem höchst ungewöhnlichen, kaum einzuordnenden Storyschema auch ein kleiner Genremix. Als weibliches Road-Movie beginnt der Film, bleibt dann aber auf der Farm stecken. Hier startet dann eine Art Post-Western, in welchem in einem eindrucksvollen Bild vier weibliche Beine der Vater-Sohn-Prothese gegenüber stehen. Mit der Seitengeschichte des gekidnappten Mädchens finden sich gar frühe Anklänge eines Backwood-(besser: Wüsten-)Horrors, in welchem die Hinterwälder und Amazonen das arme Mädchen, welches ausbüchst wieder einfangen müssen.
Am Ende muss sich alles zwischen zwei Beziehungskonstellationen entscheiden. Bekommt die Anführerin Tura Santana den einzig vernünftigen Mann in diesem Film, besser gesagt: Kann sie sich ihn schnappen? Der Film gibt ein klares "Nein!" als Antwort, die drei Damen müssen allesamt sterben (Santana gar im Vampirmotiv, mit Blut an den Mundwinkeln), während der Mann mit dem Blondinchen von dannen zieht. Wir denken an Meyer, den Fetischisten und Voyeur und man wagt nicht einzuschätzen, ob dies ein Abgesang auf eine feministische Utopie sein soll, und wenn ja: Ist das ein Happy End?
Freitag, 30. Januar 2009
Mala Noche/Rocco und seine Brüder/Duell
Zwischen einem neuen amerikanischen, wilden und jungen Independent-Kino und dem sexuellen Selbstfindungstrip eines Adoleszenten brachte Gus Van Sant in seinem Debutfilm Mala Noche eine Jarmusch-alike schwarz-weiße Grobpixelei auf die Leinwand. Sein zielloses Road-Movie treibt in seiner Nonchalance vor sich hin und besteht auf seine Atmosphäre, die den jugendlichen Zeitgeist ausatmen soll. Die Arithmetik des gesellschaftlichen Verlorenseins durch extravagant kontrastierte Bildwelten ist eine einfache Rechnung, und wurde bereits Jahre vorher, zugleich markanter von Jim Jarmusch inszeniert. Van Sant fügt dem nichts Neues hinzu, sondern bestätigt nur die Klischees eines sich nach dem Zusammenbrechen des New Hollywood neu findenden US-Underground-Kinos.
Luchino Viscontis Neorealismus-Klassiker Rocco e i suoi fratelli bietet eine beinahe 3-stündige Tour de Force durch ein Familienkaleidoskop. Der sich zunächst auf die alltäglichen Lebensbedingungen im Nachkriegs-Italien fokussierende Film fängt eine unbeschwerte Zeitreise in eine Welt voller familiärer Nächstenliebe und engem Zusammenrücken ein, ganz wie man es vom Meister der Epoche Vittorio De Sica gewöhnt ist. Bei Visconti sind die Kinder zwar alle schon etwas älter, trotzdem bieten sich schmucke Szenarien eines mit naivem Auge folgenden Realismus. Umso mehr schlägt die zweite Hälfte zu, in welcher eine große Tragödie shakespearschen Ausmaßes durchgespielt wird. Schuld und Sühne, Liebe und Hass, Vergebung und Erlösung, das epische Mammut Rocco und seine Brüder bringt alles zusammen und verschmelzt es im Familienkolloseum.
Steven Spielbergs Debutwerk Duel war ein eigentlich für das Fernsehen abgedrehter, im Nachhinein sogar noch um 15 Minuten aufgemotzter "Eventmovie", wie es das deutsche Privatfernsehen heute nennen würde. Dabei zeigt der Reißer bereits an, was Spielberg so drauf hat. In seinem Flucht-Spektakel, dass plotlinienmäßig mit einem "Truck jagt Mann" schon recht gut umrissen ist, bietet der noch frische Regisseur ein gradliniges Suspense-Szenario, das geradezu körperlich an den Rezipienten geht. Hervorstechend sind die Konnotationen des Duells: Es geht um männliche Potenz, um das "sich beweisen müssen", in diesem Fall in einer Straßenwüste, also praktisch nur vor sich selbst. Unser Protagonist scheint keine gut laufende Beziehung zu haben, soviel bekommen wir mit. Seine Männlichkeit stellt er in hektischer, auch innerlich gehetzter Manier selbst in Frage. Das Paranoiagefühl, ein intelligent bebildertes, dazu die Heimatlosigkeit des unzufriedenen Fahreres - Duell öffnet einige interessante Ebenen. Der David vs Goliath Hahnenkampf endet trotz vermeintlichem Happy End in einer melancholisch-traurigen Stimmung, unser Protagonist sitzt im Morgengrauen am Abhang.
Luchino Viscontis Neorealismus-Klassiker Rocco e i suoi fratelli bietet eine beinahe 3-stündige Tour de Force durch ein Familienkaleidoskop. Der sich zunächst auf die alltäglichen Lebensbedingungen im Nachkriegs-Italien fokussierende Film fängt eine unbeschwerte Zeitreise in eine Welt voller familiärer Nächstenliebe und engem Zusammenrücken ein, ganz wie man es vom Meister der Epoche Vittorio De Sica gewöhnt ist. Bei Visconti sind die Kinder zwar alle schon etwas älter, trotzdem bieten sich schmucke Szenarien eines mit naivem Auge folgenden Realismus. Umso mehr schlägt die zweite Hälfte zu, in welcher eine große Tragödie shakespearschen Ausmaßes durchgespielt wird. Schuld und Sühne, Liebe und Hass, Vergebung und Erlösung, das epische Mammut Rocco und seine Brüder bringt alles zusammen und verschmelzt es im Familienkolloseum.
Steven Spielbergs Debutwerk Duel war ein eigentlich für das Fernsehen abgedrehter, im Nachhinein sogar noch um 15 Minuten aufgemotzter "Eventmovie", wie es das deutsche Privatfernsehen heute nennen würde. Dabei zeigt der Reißer bereits an, was Spielberg so drauf hat. In seinem Flucht-Spektakel, dass plotlinienmäßig mit einem "Truck jagt Mann" schon recht gut umrissen ist, bietet der noch frische Regisseur ein gradliniges Suspense-Szenario, das geradezu körperlich an den Rezipienten geht. Hervorstechend sind die Konnotationen des Duells: Es geht um männliche Potenz, um das "sich beweisen müssen", in diesem Fall in einer Straßenwüste, also praktisch nur vor sich selbst. Unser Protagonist scheint keine gut laufende Beziehung zu haben, soviel bekommen wir mit. Seine Männlichkeit stellt er in hektischer, auch innerlich gehetzter Manier selbst in Frage. Das Paranoiagefühl, ein intelligent bebildertes, dazu die Heimatlosigkeit des unzufriedenen Fahreres - Duell öffnet einige interessante Ebenen. Der David vs Goliath Hahnenkampf endet trotz vermeintlichem Happy End in einer melancholisch-traurigen Stimmung, unser Protagonist sitzt im Morgengrauen am Abhang.
Mittwoch, 28. Januar 2009
Solyaris
Andrei Tarkowskij, Sowjetunion 1972
7 Jahre bevor Andrej Tarkowskij mit STALKER seinen Meilenstein schuf, der sich längst aus Genrepfaden herausgelöst hatte, probierte er sich an einer Geschichte von Stanislaw Lem. SOLARIS versteht sich allerdings nur im Mantel, im Rahmen des Science-Fiction-Films, wenngleich alle Motive darauf hindeuten. Vielmehr ist auch dieser Film ein philosophischer Weitläufer, ein gigantisches Gedankengeflecht, ein textbessenes Kopfgespinst.
Ähnlich dem STALKER entwirft der Film ein Szenario, das sich konzentriert auf die Unterschiede der Begriffswelten Tarkowskijs. Gleich zu Beginn zieht uns der Film in eine prächtige, fließende Naturlandschaft hinein. Familie als Thema bekommt auch nur in diesem Raum ein reales Gesicht. Der Protagonist verabschiedet sich und fliegt per Raumblase (Huhu, Fountain!) zu einer Raumstation. Bereits vorher bekommen wir eine bemerkenswert dichte, grobe Sequenzen zu sehen, die Tarkowskij Jahre später mit der Draisinen-Fahrt im STALKER wiederholen sollte. Die industrielle Blechlawine verdichtet sich zum traumatischen Motiv der Entfremdung. Die Straßen kreuzen sich, der Geräuschpegel wird grenzwertig, der Vorgänger im All - jemand der dank seiner Widerrede gegen die Zivilisation der Wissenschaftlichkeit von dieser bereits geschasst wurde - steckt fest im dynamischen Strom des Lichtermeeres. Die Unnatürlichkeit kontrastiert der Film gleich im nächsten Schuss schon wieder mit dem ruhenden Organischen des Flußes auf dem Familienlandsitz.
Unser Protagonist kommt auf der Raumstation an und findet eine chaotische Müllhalde vor. Unheimliches geht vor sich, der Film bekommt gar einen schauerhaften Touch. Die zwei Überlebenden in diesem Gefährt ins Nichts stellen den Dualismus dar, welcher einen Tarkowskij so gerne durchzieht. Steht der schon leicht verrückt gewordene Snaut für eine Sicht des "mit sich geschehen lassens", der Intuition, Transzendenz, auch der Tragik des Lebens, ist Sartorius ein streng gebliebener, eiskalter Wissenschaftler, ein Erklärer, in der Hybris gefangener. Jemand der sich nicht beirren lässt. Wenn die Familiensequenzen als Umrahmung dienen und vor allem Wärme und Geborgenheit (auch: im Heimatlichen) vermitteln, prallen hier auf engstem Raum - im Mittelteil des Stücks - die philosophischen Ebenen aufeinander.
Entscheidender Katalysator für die Handlung ist das Auftreten der Imagination, des Verdrängten, des Erinnerns. Seine nach der Trennung von ihm sich selbst das Leben genommen habende Frau erscheint und ist nicht wieder los zu bekommen. Hier vermischt sich der entscheidende Diskursantrieb mit dem bereits statisch Vorgegebenen - es wird beinahe plastisch. Inwieweit "konstruiert" der Mensch sich sein Leben, seine Umwelt, ja gar seine Mitmenschen? Was, wenn das Verdrängte, im Gedächtnis verankerte, die schmerzhafte Erinnerung sich ihre Bahn bricht? Wer ist Subjekt, wer Objekt, wo ist der Blickpunkt, wer entscheidet hier überhaupt?
Dieser seltsame Nebel, Urschlamm, dieses Gebilde, welchem das Raumschiff stehts gegenüber steht - dies ist die nicht definierbare, nicht untersuchbare Masse, die hier die Gedanken steuert. Was will der Mensch da noch machen? Was ist Chimäre, was real? Bei der Konfrontation mit all den Fragen nach dem Leben wird der Mensch depressiv und bringt sich um oder wird verrückt. Zumindest aber wandelt er seine Sinne, unser Protagonist wird vom gläubigen Fortschrittsdenker zum suchenden Gläubigen.
SOLARIS ist im Gegensatz zum STALKER nicht sehr ästhetisch geraten. Die enge Sterilität der Raumstation weiß dies allein schon zu verhindern. Umso mehr wirken die gegen geschnittenen Naturszenen. Noch viel mehr als beim STALKER wird hier der Kontrast gesucht - das kalte, irrige Fortschrittsdenken gegen die monumentale Kraft des Unerklärbaren, des Lenkenden, des den menschlichen Geist Durchkreuzenden. Tarkowskij muss sich hier auch den Vorwurf gefallen lassen, dass er seine Erzählung im Glauben an das Übernatürliche, mit religiösen Mystifizierungen sonnt, und am Ende einen Hoffnungsschimmer aufblitzen lässt, den Lem in seiner Vorlage so nicht vorgesehen hatte.
SOLARIS ist auch ein Film über den männlichen Perspektivverlust. Die Frau, das unbekannte Wesen, die Frau als Heilsbringerin, als konstitutives Element in der Narration eines männlichen Lebens. Frau, Geliebte, Mutter. Die Fühlbarkeit der Natur. Als Eigengeburt der Imagination entschlüpft das Weibe auf der Raumstation dem männlichen Verlangen, Unterbewusstsein, Erinnerung, Sehnsucht. Noch ist sie konstruiertes Objekt, doch die Menschwerdung steht bevor, und schnell ist die Bindung wieder so eng, dass gar Zukunftspläne (tragisch-unumsetzbare natürlich) geschmiedet werden. Hinter all dem destruktiv-depressiven Gedankenapparat - die Liebe als heran imaginierte, selbst konstruierte Pseudo-Macht - eine Suche nach dem Zusammenhalt gefunden, ist eine Menschwerdung - und Subjektwerdung - in der wahren Liebe möglich. Die Hoffnung versiegt in diesem Film nie so wirklich, selbst wenn das letzte Bild sich dagegen vielleicht noch einmal aufbäumen will.
Die vollkommen desillusionierten Gesichter freilich erzählen stets ihre eigene Geschichte. Trotz allen Glaubens an den Glauben, an Humanität, an Denkgebilde und Kommunikation - Tarkowskijs Filme bleiben immer ruhelos, besinnt zwar und poetisch, doch mit dem tief tragischen Blick auf die kaputten Strukturen. So gerne er es hätte - hier wird niemand glücklich. Außer in seiner Imagination.
7 Jahre bevor Andrej Tarkowskij mit STALKER seinen Meilenstein schuf, der sich längst aus Genrepfaden herausgelöst hatte, probierte er sich an einer Geschichte von Stanislaw Lem. SOLARIS versteht sich allerdings nur im Mantel, im Rahmen des Science-Fiction-Films, wenngleich alle Motive darauf hindeuten. Vielmehr ist auch dieser Film ein philosophischer Weitläufer, ein gigantisches Gedankengeflecht, ein textbessenes Kopfgespinst. Ähnlich dem STALKER entwirft der Film ein Szenario, das sich konzentriert auf die Unterschiede der Begriffswelten Tarkowskijs. Gleich zu Beginn zieht uns der Film in eine prächtige, fließende Naturlandschaft hinein. Familie als Thema bekommt auch nur in diesem Raum ein reales Gesicht. Der Protagonist verabschiedet sich und fliegt per Raumblase (Huhu, Fountain!) zu einer Raumstation. Bereits vorher bekommen wir eine bemerkenswert dichte, grobe Sequenzen zu sehen, die Tarkowskij Jahre später mit der Draisinen-Fahrt im STALKER wiederholen sollte. Die industrielle Blechlawine verdichtet sich zum traumatischen Motiv der Entfremdung. Die Straßen kreuzen sich, der Geräuschpegel wird grenzwertig, der Vorgänger im All - jemand der dank seiner Widerrede gegen die Zivilisation der Wissenschaftlichkeit von dieser bereits geschasst wurde - steckt fest im dynamischen Strom des Lichtermeeres. Die Unnatürlichkeit kontrastiert der Film gleich im nächsten Schuss schon wieder mit dem ruhenden Organischen des Flußes auf dem Familienlandsitz.
Unser Protagonist kommt auf der Raumstation an und findet eine chaotische Müllhalde vor. Unheimliches geht vor sich, der Film bekommt gar einen schauerhaften Touch. Die zwei Überlebenden in diesem Gefährt ins Nichts stellen den Dualismus dar, welcher einen Tarkowskij so gerne durchzieht. Steht der schon leicht verrückt gewordene Snaut für eine Sicht des "mit sich geschehen lassens", der Intuition, Transzendenz, auch der Tragik des Lebens, ist Sartorius ein streng gebliebener, eiskalter Wissenschaftler, ein Erklärer, in der Hybris gefangener. Jemand der sich nicht beirren lässt. Wenn die Familiensequenzen als Umrahmung dienen und vor allem Wärme und Geborgenheit (auch: im Heimatlichen) vermitteln, prallen hier auf engstem Raum - im Mittelteil des Stücks - die philosophischen Ebenen aufeinander.
Entscheidender Katalysator für die Handlung ist das Auftreten der Imagination, des Verdrängten, des Erinnerns. Seine nach der Trennung von ihm sich selbst das Leben genommen habende Frau erscheint und ist nicht wieder los zu bekommen. Hier vermischt sich der entscheidende Diskursantrieb mit dem bereits statisch Vorgegebenen - es wird beinahe plastisch. Inwieweit "konstruiert" der Mensch sich sein Leben, seine Umwelt, ja gar seine Mitmenschen? Was, wenn das Verdrängte, im Gedächtnis verankerte, die schmerzhafte Erinnerung sich ihre Bahn bricht? Wer ist Subjekt, wer Objekt, wo ist der Blickpunkt, wer entscheidet hier überhaupt?
Dieser seltsame Nebel, Urschlamm, dieses Gebilde, welchem das Raumschiff stehts gegenüber steht - dies ist die nicht definierbare, nicht untersuchbare Masse, die hier die Gedanken steuert. Was will der Mensch da noch machen? Was ist Chimäre, was real? Bei der Konfrontation mit all den Fragen nach dem Leben wird der Mensch depressiv und bringt sich um oder wird verrückt. Zumindest aber wandelt er seine Sinne, unser Protagonist wird vom gläubigen Fortschrittsdenker zum suchenden Gläubigen.
SOLARIS ist im Gegensatz zum STALKER nicht sehr ästhetisch geraten. Die enge Sterilität der Raumstation weiß dies allein schon zu verhindern. Umso mehr wirken die gegen geschnittenen Naturszenen. Noch viel mehr als beim STALKER wird hier der Kontrast gesucht - das kalte, irrige Fortschrittsdenken gegen die monumentale Kraft des Unerklärbaren, des Lenkenden, des den menschlichen Geist Durchkreuzenden. Tarkowskij muss sich hier auch den Vorwurf gefallen lassen, dass er seine Erzählung im Glauben an das Übernatürliche, mit religiösen Mystifizierungen sonnt, und am Ende einen Hoffnungsschimmer aufblitzen lässt, den Lem in seiner Vorlage so nicht vorgesehen hatte.
SOLARIS ist auch ein Film über den männlichen Perspektivverlust. Die Frau, das unbekannte Wesen, die Frau als Heilsbringerin, als konstitutives Element in der Narration eines männlichen Lebens. Frau, Geliebte, Mutter. Die Fühlbarkeit der Natur. Als Eigengeburt der Imagination entschlüpft das Weibe auf der Raumstation dem männlichen Verlangen, Unterbewusstsein, Erinnerung, Sehnsucht. Noch ist sie konstruiertes Objekt, doch die Menschwerdung steht bevor, und schnell ist die Bindung wieder so eng, dass gar Zukunftspläne (tragisch-unumsetzbare natürlich) geschmiedet werden. Hinter all dem destruktiv-depressiven Gedankenapparat - die Liebe als heran imaginierte, selbst konstruierte Pseudo-Macht - eine Suche nach dem Zusammenhalt gefunden, ist eine Menschwerdung - und Subjektwerdung - in der wahren Liebe möglich. Die Hoffnung versiegt in diesem Film nie so wirklich, selbst wenn das letzte Bild sich dagegen vielleicht noch einmal aufbäumen will.
Die vollkommen desillusionierten Gesichter freilich erzählen stets ihre eigene Geschichte. Trotz allen Glaubens an den Glauben, an Humanität, an Denkgebilde und Kommunikation - Tarkowskijs Filme bleiben immer ruhelos, besinnt zwar und poetisch, doch mit dem tief tragischen Blick auf die kaputten Strukturen. So gerne er es hätte - hier wird niemand glücklich. Außer in seiner Imagination.
Dienstag, 27. Januar 2009
Heimatkunde/I know the way to the Hofbräuhaus/Picasso in München
Gänzlich unperfektionitischer kommt da ein Film wie Heimatkunde daher. Martin Sonneborn - seines Zeichens Ex-Titanic-Chefredakteur streunert einmal rund um Berlin herum an der ehemaligen Grenze entlang und trifft eine Menge Ossis. Entgegen aller Warnungen ("Ossi-Hetze") erreicht der Film nicht einmal ansatzweise die Schärfe und Gnadenlosigkeit des Satire-Magazins, das er 5 Jahre lang betreute. Und das ist auch besser so, denn auf der abstrakten Ebene eines Magazins, dass kommentiert, aber nicht konfrontiert ist solch eine Taktik funktionstüchtig. In einer Filmform, in der die es konkreter wird muss ein zynischer Humanist, der Sonneborn ist, natürlich zurückschrauben. Ein Verrat an den, und ein bloßes Vorführen der Figuren wäre auch zu simpel und ungerechtfertigt. Und so macht Sonneborn aus der mit einfacher Digicam über der Schulter gefilmten Tour das beste, was er aus dem Situativen machen kann - einen nostalgischen Backpacker-Blick mit viel Melancholie. Sonneborn trifft auf einen einsamen Gärtner, der die Schnauze von den Menschen voll hat und nur noch zwischen seinen Pflanzen lebt - zusammen mit seinem Weggefährten, einem Dobermann ("Der ist nicht gefährlich. Ist ja kein Kampfhund oder so."). In einem verlassenen Waldstück trifft er auf einen auf Knien betenden Mann, der "dem Ungläubigen" zunächst wortkarg den Namen seines Gottes verweigert. Nach Anbetung ebenjenes rückt er dann doch damit raus. Sonneborn blickt auf alte Stasi-Urlaubs- und Erholungszentren und Hellersdorfer Plattenbausiedlungen und es kommt so etwas wie Mitleid auf. Nicht für "Ossis" an sich, sondern für ein Deutschland, das angesichts der Ruinen und der kaputten Menschen in ihnen durchaus ein Trauma zu durchleiden hatte. Sonneborns Doku zeigt die Narben, bleibt aber zwischen mildem Sarkasmus und melancholischem Lächeln zurückhaltend und pietätsvoll. Ganz wie bei einem tragischen Schicksal üblich.
Zum Ehrentag des ollen Achternbusch gab es dieser Tage ein paar Spiränzchen von ihm im TV zu bestaunen. Bei ihm ist's wie beim "Neuen Deutschen Film" so generell - wenn sie die Klappe halten, ist's noch am Erträglichsten. In I know the way to the Hofbräuhaus spart man der Worte viel und das tut dem damit zum weitaus weniger hysterischen Stummfilm mutierten Werk sichtlich gut. Eine Mumie wandelt durch München und wer schon mal da war, weiß, dass dies ein ganz stimmiges Bild ergibt. Der Rest ist teils konzentrierte Bildkonstruktion und das ist der Worthülsen-Experimente der Umstürzler in jedem Falle vorzuziehen. Gegenbeispiel hier: Picasso in München. Meine Frage: Wo wäre denn da München? Warum seh ich's nicht?
Zum Ehrentag des ollen Achternbusch gab es dieser Tage ein paar Spiränzchen von ihm im TV zu bestaunen. Bei ihm ist's wie beim "Neuen Deutschen Film" so generell - wenn sie die Klappe halten, ist's noch am Erträglichsten. In I know the way to the Hofbräuhaus spart man der Worte viel und das tut dem damit zum weitaus weniger hysterischen Stummfilm mutierten Werk sichtlich gut. Eine Mumie wandelt durch München und wer schon mal da war, weiß, dass dies ein ganz stimmiges Bild ergibt. Der Rest ist teils konzentrierte Bildkonstruktion und das ist der Worthülsen-Experimente der Umstürzler in jedem Falle vorzuziehen. Gegenbeispiel hier: Picasso in München. Meine Frage: Wo wäre denn da München? Warum seh ich's nicht?
Donnerstag, 22. Januar 2009
The Day the Earth Stood Still/Valkyrie/Seven Pounds
Auch wenn Keanu Reeves mal wieder als Jesusfigur inszeniert wird (hat er in Hollywood etwa mehr Macht als man das so im Allgemeinen schätzen würde?), das hier alles reichlich alttestamentarisch verhanebücht wird, und auch wenn die Öko-Message ziemlich platt daherkommt, fand ich The Day the Earth Stood Still nun doch nicht so furchtbar, wie es viele Kritiker in die Welt hinaus posaunten. Unnötig genug ist er freilich, auch nur sehr bedingt spannend, hat immerhin ein paar Schauwerte zu bieten. Dass in der Endabrechnung dann ausgerechnet auf dem Militärfriedhof klar wird, dass die Menschen ja vielleicht doch rettenswert sind (und ein Einsehen haben werden. Ein Simpsonsches HAHA bitte) kommt recht lächerlich rüber. Aber was soll's. Als Popcornkino taugt der Film.
Ebenfalls eindeutig zu viel Tamtam wurde und wird mal wieder dieser Tage um Tom Cruise Egotrip Valkyrie gemacht. Das einstmals so gehypte Duo Bryan Singer und Christopher McQuarrie inszenieren diesen Historienschmonzes von ruhiger Hand, lassen die Plot Points gekonnt kegeln und haben uns auch ansonsten nicht viel zu sagen. Cruise gefällt sich in der Rolle mit dem einen Gesichtsausdruck sicherlich selbst am Besten, (Achtung: Kalauer) liefert aber keine Bombenshow ab. Die Belanglosigkeit dieses Machwerks mag lediglich der Fakt untergraben, dass die Darstellung in gröbsten Teilen zum Heroenportrait gereift, und viel zu viel Wissen um die historischen Fakten unbenannt lässt, um den filmischen Seelenfrieden nicht zu stören. Wäre ja auch zu blöd einräumen zu müssen, dass der olle Stauffi auch nicht so ganz dem Typus weltrettender Sozialpädagoge mit Herz entsprach. Immerhin dräschen die Tatsachen doch letztlich so vehemnt auf den Film ein, dass seine Dramaturgie am Ende den Geist aufgeben muss. Die stilisierte Rettungsaktion findet ein jähes Ende und den Spannungsarchitekten Singer und McQuarrie bleiben nur die banalen Zahlen- und Textspielchen, die so einen Historienschinken ja immer beenden müssen.
Juhu, wo wir gerade bei Jesusfiguren im Kino und schon langsam bizarr werdenden Egoparaden sind: Der passende Film zum Karneval ist Seven Pounds! Will Smith ist sowieso mein Lieblingsjesus, und auch in diesem hochtrabenden und tiefschnäufenden Superdrama kommt alles so, wie es diese Grundprämisse bereits vermuten lässt. Smith hat Schuld auf sich geladen (yes, you can) und arbeitet diese narrativ geschickt verwoben ab. Der Märtyrertod steht ins Haus. Leben ist Leiden kommt zwar jetzt nicht direkt aus dem christlichen Duktus, aber Smiths in Stirnfalten gelegtes Gesicht sagt da vielleicht mehr als tausend Worte. Der Film hält sich so lange bedeckt wie es geht und protzt dann hervor mit einem gewaltigen Kitschurknall, der tatsächlich die Behauptung forciert, man könne alles "Entseelte", Körperliche, Fleischliche, eins zu eins ersetzen, damit dann die Seele frei wird. Selten eine klarere Darstellung der christlichen Ideen von Beichte, Sünde, Hölle und Leiden im Leben gesehen. Wow. Respekt für soviel Scheiße.
Ebenfalls eindeutig zu viel Tamtam wurde und wird mal wieder dieser Tage um Tom Cruise Egotrip Valkyrie gemacht. Das einstmals so gehypte Duo Bryan Singer und Christopher McQuarrie inszenieren diesen Historienschmonzes von ruhiger Hand, lassen die Plot Points gekonnt kegeln und haben uns auch ansonsten nicht viel zu sagen. Cruise gefällt sich in der Rolle mit dem einen Gesichtsausdruck sicherlich selbst am Besten, (Achtung: Kalauer) liefert aber keine Bombenshow ab. Die Belanglosigkeit dieses Machwerks mag lediglich der Fakt untergraben, dass die Darstellung in gröbsten Teilen zum Heroenportrait gereift, und viel zu viel Wissen um die historischen Fakten unbenannt lässt, um den filmischen Seelenfrieden nicht zu stören. Wäre ja auch zu blöd einräumen zu müssen, dass der olle Stauffi auch nicht so ganz dem Typus weltrettender Sozialpädagoge mit Herz entsprach. Immerhin dräschen die Tatsachen doch letztlich so vehemnt auf den Film ein, dass seine Dramaturgie am Ende den Geist aufgeben muss. Die stilisierte Rettungsaktion findet ein jähes Ende und den Spannungsarchitekten Singer und McQuarrie bleiben nur die banalen Zahlen- und Textspielchen, die so einen Historienschinken ja immer beenden müssen.
Juhu, wo wir gerade bei Jesusfiguren im Kino und schon langsam bizarr werdenden Egoparaden sind: Der passende Film zum Karneval ist Seven Pounds! Will Smith ist sowieso mein Lieblingsjesus, und auch in diesem hochtrabenden und tiefschnäufenden Superdrama kommt alles so, wie es diese Grundprämisse bereits vermuten lässt. Smith hat Schuld auf sich geladen (yes, you can) und arbeitet diese narrativ geschickt verwoben ab. Der Märtyrertod steht ins Haus. Leben ist Leiden kommt zwar jetzt nicht direkt aus dem christlichen Duktus, aber Smiths in Stirnfalten gelegtes Gesicht sagt da vielleicht mehr als tausend Worte. Der Film hält sich so lange bedeckt wie es geht und protzt dann hervor mit einem gewaltigen Kitschurknall, der tatsächlich die Behauptung forciert, man könne alles "Entseelte", Körperliche, Fleischliche, eins zu eins ersetzen, damit dann die Seele frei wird. Selten eine klarere Darstellung der christlichen Ideen von Beichte, Sünde, Hölle und Leiden im Leben gesehen. Wow. Respekt für soviel Scheiße.
Who killed Jessie?
(Kdo chce zabít Jessii? Wer will Jessie umbringen?)
Václav Vorlícek, Tschechoslowakei 1966
Mit welcher Leichtigkeit auch im osteuropäischen Kino vor 1990 subversives Understatement auf die Leinwand gezaubert werden konnte, ist beeindruckend. Václav Vorlícek (der später mit Drei Nüsse für Aschenbrödel sowie andere Märchenklassiker für das östliche Kinderauge erschuf) inszeniert eine Geschichte von Milos Macourek. Ein Ehepaar arbeitet in der Forschung, die Frau erfindet ein Serum, mit dem man verdrängte (!) Träume in die Realität holen kann und diese durch "schöne" Imaginationen im Kopf des Probanten ersetzt werden. Ganz flockig lassen sich diese übrigens anhand eines Monitors, optisch den ostdeutschen Fernsehgeräten vor der Wende entsprechend, beobachten. Eine Kuh träumt so beispielsweise statt ihres Alptraumes von Scheißhausfliegen belästigt zu werden, in einer Hängematte zu liegen und an Blumen zu kauen. Die Fliegen derweil vergnügen sich im echten Leben, im Versuchslabor.
Nun begibt es sich ausgerechnet, dass ihr Ehemann nur ungern den ehelichen Pflichten nachkommt und immer Donnerstags zum Rapport aufs Ehebett gebeten wird. Viel lieber allerdings träumt der arme Kerl von einer blonden Superfrau, die er in in einem Comicreich vor einem Cowboy mit Alkigesicht und einem muskelbepackten Superman (Achtung: Amerikaschelte!) retten muss. Seine durchtriebene Ehefrau riecht den Braten als er eines nachts an seinem kissen herum kaut und schließt ihn kurzerhand ans Gerät an. Nebeneffekt: Die hübsche Maid samt ihren Verfolgern geraten in die Realität. Nachdem sie sich einen ganzen Tag lang in der sozialistischen Plattenbauwohnung des Wissenschaftler-Ehepaares (ganz Comicstyle) geprügelt haben, und diverse realsozialistische Einrichtungsgegenstände zu Bruch gehen, kommt es zum Katz-und-Maus-Spiel in der Realwelt. Das blonde Superweib ist dabei immer auf der Suche nach ihrem "Traummann" - unserem Wissenschaftler.
Vorlíceks Film ist neben seinen kreativen Einfällen (Sprechblasen in der Realwelt, Medienwechsel etc) vor allem ein gutes Stück anarchistischen Slapstick. Keine Frage, Wer will Jessie umbringen? ist in erster Linie eine Komödie, manchmal mit banalem, häufig aber auch mit gerissenem Witz. Unbeschnittenerweise verteilt er Seitenhiebe nach allen Seiten aus, sein fröhlicher Charakter machte es ihm sicherlich leicht, auch die satirischen Szenen gegen das eigene ideologische System durchzusetzen. Am Gewichtigsten dabei sicherlich die Gerichtsszene, in der ziemlich humorfrei über die "Freiheit der Träume" bzw. über deren Kontrolle debattiert wird. Anschließend versuchen die Wissenschaftler (immernoch angeführt von der fiesen Ehefrau) die Comicfiguren durch doch ziemlich rabiat-brutale Methoden das Leben zu nehmen (Einäscherung und Körperstrangulierung). Die Szenen werden zwar - ganz dem Comichaften verschrieben - unblutig und überhöht aufgelöst, die Idee allein allerdings ist interessant, das "Verdrängte" und das "Freiheitliche" durch Ultrabrutalität und purer Inhumanität aus dem eigenen ideologischen System tilgen zu wollen.
Mehr Kritik ist dann aber nicht drin, und so flitzt Who killed Jessie? von einem Abenteuerplotpoint zur nächsten Slapstickszene. Keinen Groll dagegen, denn mehr war sicherlich nicht drin, und die bis zum Ende ausformulierte Erzählung macht auch abseits der subversiven Momente großen Spass. Am Ende lässt sich der Film dann vor allem an dem ihn bereits stets durchziehenden misogynen Gesten nieder. Denn im Moment des Happy Ends (unser Wissenschaftler hat über seine dominante Ehefrau triumpfiert und lässt sich auf dem Bett mit der Superblondine nieder) fängt sie an zu sprechen und droht ihm: "Ab jetzt träumst du aber nur noch von mir!" Armer Kerl...
Václav Vorlícek, Tschechoslowakei 1966
Mit welcher Leichtigkeit auch im osteuropäischen Kino vor 1990 subversives Understatement auf die Leinwand gezaubert werden konnte, ist beeindruckend. Václav Vorlícek (der später mit Drei Nüsse für Aschenbrödel sowie andere Märchenklassiker für das östliche Kinderauge erschuf) inszeniert eine Geschichte von Milos Macourek. Ein Ehepaar arbeitet in der Forschung, die Frau erfindet ein Serum, mit dem man verdrängte (!) Träume in die Realität holen kann und diese durch "schöne" Imaginationen im Kopf des Probanten ersetzt werden. Ganz flockig lassen sich diese übrigens anhand eines Monitors, optisch den ostdeutschen Fernsehgeräten vor der Wende entsprechend, beobachten. Eine Kuh träumt so beispielsweise statt ihres Alptraumes von Scheißhausfliegen belästigt zu werden, in einer Hängematte zu liegen und an Blumen zu kauen. Die Fliegen derweil vergnügen sich im echten Leben, im Versuchslabor.Nun begibt es sich ausgerechnet, dass ihr Ehemann nur ungern den ehelichen Pflichten nachkommt und immer Donnerstags zum Rapport aufs Ehebett gebeten wird. Viel lieber allerdings träumt der arme Kerl von einer blonden Superfrau, die er in in einem Comicreich vor einem Cowboy mit Alkigesicht und einem muskelbepackten Superman (Achtung: Amerikaschelte!) retten muss. Seine durchtriebene Ehefrau riecht den Braten als er eines nachts an seinem kissen herum kaut und schließt ihn kurzerhand ans Gerät an. Nebeneffekt: Die hübsche Maid samt ihren Verfolgern geraten in die Realität. Nachdem sie sich einen ganzen Tag lang in der sozialistischen Plattenbauwohnung des Wissenschaftler-Ehepaares (ganz Comicstyle) geprügelt haben, und diverse realsozialistische Einrichtungsgegenstände zu Bruch gehen, kommt es zum Katz-und-Maus-Spiel in der Realwelt. Das blonde Superweib ist dabei immer auf der Suche nach ihrem "Traummann" - unserem Wissenschaftler.
Vorlíceks Film ist neben seinen kreativen Einfällen (Sprechblasen in der Realwelt, Medienwechsel etc) vor allem ein gutes Stück anarchistischen Slapstick. Keine Frage, Wer will Jessie umbringen? ist in erster Linie eine Komödie, manchmal mit banalem, häufig aber auch mit gerissenem Witz. Unbeschnittenerweise verteilt er Seitenhiebe nach allen Seiten aus, sein fröhlicher Charakter machte es ihm sicherlich leicht, auch die satirischen Szenen gegen das eigene ideologische System durchzusetzen. Am Gewichtigsten dabei sicherlich die Gerichtsszene, in der ziemlich humorfrei über die "Freiheit der Träume" bzw. über deren Kontrolle debattiert wird. Anschließend versuchen die Wissenschaftler (immernoch angeführt von der fiesen Ehefrau) die Comicfiguren durch doch ziemlich rabiat-brutale Methoden das Leben zu nehmen (Einäscherung und Körperstrangulierung). Die Szenen werden zwar - ganz dem Comichaften verschrieben - unblutig und überhöht aufgelöst, die Idee allein allerdings ist interessant, das "Verdrängte" und das "Freiheitliche" durch Ultrabrutalität und purer Inhumanität aus dem eigenen ideologischen System tilgen zu wollen.
Mehr Kritik ist dann aber nicht drin, und so flitzt Who killed Jessie? von einem Abenteuerplotpoint zur nächsten Slapstickszene. Keinen Groll dagegen, denn mehr war sicherlich nicht drin, und die bis zum Ende ausformulierte Erzählung macht auch abseits der subversiven Momente großen Spass. Am Ende lässt sich der Film dann vor allem an dem ihn bereits stets durchziehenden misogynen Gesten nieder. Denn im Moment des Happy Ends (unser Wissenschaftler hat über seine dominante Ehefrau triumpfiert und lässt sich auf dem Bett mit der Superblondine nieder) fängt sie an zu sprechen und droht ihm: "Ab jetzt träumst du aber nur noch von mir!" Armer Kerl...
Mittwoch, 21. Januar 2009
Aguirre, der Zorn Gottes
Werner Herzog, Deutschland/Peru/Mexiko 1972
Wie lässt sich Wahnsinn filmisch darstellen? Apocalypse Now hat es da einst versucht, Clockwork Orange ließe sich anführen, oder etwa auch Schock Corridor. Am Besten ist es vielleicht aber doch, wenn ein Film über Irrsinn auch unter Bedingungen hergestellt wurde, die absurd und abstrus erscheinen. Schaut man sich Aguirre, der Zorn Gottes an, so - und das ist äußerst selten bei einem Film - sieht man ihm seinen Schaffensprozess förmlich an.
Klaus Kinski ist entgegen der allgemeinen Meinung da auch nur ein Rädchen im Betrieb dieses aus den Ufern gelaufenen Projekts. Er spielt den Inbegriff des in seiner Hybris untergehenden, moralisch verwerflichen, Macht korumpierten Menschen, in diesem Fall im abstrakten Historienszenario auf einer Kolonialexpedition durch den Amazonas-Regenwald Ende des 16.Jahrhunderts. Durch die übergroßen Naturszenarien kämpft sich der Trupp, gespielt angeblich aus einer Mischung von echten Eingeborenen und von der Straße geholten Obdachlosen. Immer mit dabei als Symbol der behaupteten Überlegenheit einer menschlichen Übermacht - eine Kanone. In rostiger Kluft schlagen sich die Männer beinahe orienterungslos und umgeben von einer Natur, die das Knäuel aus Menschenfleisch gut und gerne jederzeit als Spielball benutzen kann, durch den Dschungel. Entscheidend bei diesem in jeder Hinsicht "unperfektionistischen" Film ist neben seiner steten Geistesabwesenheit und Verlorenheit auch im Filmischen dann das Ende. Dem Wahn, der Krankheit und dem Tod verfallen stürzt Kinski vom einen Ende des Floßes zum Anderen, umgeben von Leichenbergen und einer Horde Affen, die Herzog angeblich sich als Tierarzt ausgebend von einem Flugplatz gestohlen haben soll. Dabei säuselt er seine Größenfantasien der Kamera entgegen und an ihr vorbei, ganz weltvergessen, fast poetisch. Der Menschentross hat sich von ihm in die Irre führen lassen, fast widerspruchslos, wie das Menschenmassen in der Geschichte ja schon so häufig getan haben, direkt in ihr Unheil. Diese Szene ist - majeströs, desaströs untermalt von der Musik Popol Vuhs - der wegweisende Klimax für die gesamte Rezeption. Einmal wird hier ganz aufs Filmische gegangen, die Kamera dynamisch-selbstbewusst ums Floss kreisen gelassen, die Musik laut aufgefahren wie Fanfaren für das Meisterliche.
Wenige Worte sollen noch verloren werden zu den Themen Humor und Syncronisation. Ganz entscheidend und fast aus dem Film herausreißend stellen sich kurze humoristische Momente ein ("Lange Pfeile sind in Mode gekommen."). Zum Einen geht das, weil der ganze Film eben auch einen steten Verweis auf den Herstellungsprozess beinhaltet, und diese Momente dann nochmal bewusst "herausreißen". Zum Anderen lässt sich Wahnsinn durch Wahnwitz sicherlich recht adäquat wiedergeben. Dahingehend ließe sich vielleicht auch die lausige, wirklich obzön furchtbare Synco einordnen. Trotzdem fühlt man sich zuweilen wie in einem spanisch-italienischen Abenteuerfilm (als Genrependant zum Italowestern), dem in deutschen Syncronstudios eine unfreiwillig komische Note zugefügt wurde. Der eh schon verquer-seltsamen Stimmung tut dies freilich keinen Abbruch.
Wie lässt sich Wahnsinn filmisch darstellen? Apocalypse Now hat es da einst versucht, Clockwork Orange ließe sich anführen, oder etwa auch Schock Corridor. Am Besten ist es vielleicht aber doch, wenn ein Film über Irrsinn auch unter Bedingungen hergestellt wurde, die absurd und abstrus erscheinen. Schaut man sich Aguirre, der Zorn Gottes an, so - und das ist äußerst selten bei einem Film - sieht man ihm seinen Schaffensprozess förmlich an.Klaus Kinski ist entgegen der allgemeinen Meinung da auch nur ein Rädchen im Betrieb dieses aus den Ufern gelaufenen Projekts. Er spielt den Inbegriff des in seiner Hybris untergehenden, moralisch verwerflichen, Macht korumpierten Menschen, in diesem Fall im abstrakten Historienszenario auf einer Kolonialexpedition durch den Amazonas-Regenwald Ende des 16.Jahrhunderts. Durch die übergroßen Naturszenarien kämpft sich der Trupp, gespielt angeblich aus einer Mischung von echten Eingeborenen und von der Straße geholten Obdachlosen. Immer mit dabei als Symbol der behaupteten Überlegenheit einer menschlichen Übermacht - eine Kanone. In rostiger Kluft schlagen sich die Männer beinahe orienterungslos und umgeben von einer Natur, die das Knäuel aus Menschenfleisch gut und gerne jederzeit als Spielball benutzen kann, durch den Dschungel. Entscheidend bei diesem in jeder Hinsicht "unperfektionistischen" Film ist neben seiner steten Geistesabwesenheit und Verlorenheit auch im Filmischen dann das Ende. Dem Wahn, der Krankheit und dem Tod verfallen stürzt Kinski vom einen Ende des Floßes zum Anderen, umgeben von Leichenbergen und einer Horde Affen, die Herzog angeblich sich als Tierarzt ausgebend von einem Flugplatz gestohlen haben soll. Dabei säuselt er seine Größenfantasien der Kamera entgegen und an ihr vorbei, ganz weltvergessen, fast poetisch. Der Menschentross hat sich von ihm in die Irre führen lassen, fast widerspruchslos, wie das Menschenmassen in der Geschichte ja schon so häufig getan haben, direkt in ihr Unheil. Diese Szene ist - majeströs, desaströs untermalt von der Musik Popol Vuhs - der wegweisende Klimax für die gesamte Rezeption. Einmal wird hier ganz aufs Filmische gegangen, die Kamera dynamisch-selbstbewusst ums Floss kreisen gelassen, die Musik laut aufgefahren wie Fanfaren für das Meisterliche.
Wenige Worte sollen noch verloren werden zu den Themen Humor und Syncronisation. Ganz entscheidend und fast aus dem Film herausreißend stellen sich kurze humoristische Momente ein ("Lange Pfeile sind in Mode gekommen."). Zum Einen geht das, weil der ganze Film eben auch einen steten Verweis auf den Herstellungsprozess beinhaltet, und diese Momente dann nochmal bewusst "herausreißen". Zum Anderen lässt sich Wahnsinn durch Wahnwitz sicherlich recht adäquat wiedergeben. Dahingehend ließe sich vielleicht auch die lausige, wirklich obzön furchtbare Synco einordnen. Trotzdem fühlt man sich zuweilen wie in einem spanisch-italienischen Abenteuerfilm (als Genrependant zum Italowestern), dem in deutschen Syncronstudios eine unfreiwillig komische Note zugefügt wurde. Der eh schon verquer-seltsamen Stimmung tut dies freilich keinen Abbruch.
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Der Schweigende Stern
Kurt Maezig, DDR/Polen 1960
Bei der Kombination von realsozialistischem Gesellschaftsbild und Science-Fiction muss aufgehorcht werden. In Kurt Maetzigs Der Schweigende Stern geht eine extra-bunt gemischte Crew aus Schwarzen (Angola?), Gelben (China?) und Deutschen (Brinkmann!) auf Expeditionstour zum Jupiter. Siehe da, auch die Amis wollen mit von der Partie sein, zumindest die neue Generation, die dem alten Hiroshima-Sack aus seiner amerikanischen Forschungsstation, der orginal vermutlich ein DDR-Schauspieler mit Nazivergangenheit war, erstmal den Marsch bläst. Während die friedlich-fröhliche Weltengemeinschaft (Ich entdeckte Inder, Araber, Asiaten, Afrikaner - ich glaube die DDR sah einst aus wie ein kleiner Arche Noah Zoo) sich an den Händen fasst und brav zum Abschied winkt, verkriechen sich unseren wacken Recken in ein Lego-Wespennest aus solider Plastik. Nachdem simulierte Riesenpopcörner das Schiff kurzzeitig aus der Bahn werfen, erreichen unsere Helden die Venus. Und was gibt's? Außer einem nuklearen Holocaust? Nicht mehr viel. Kennt ihr noch diese Steckpferde, die früher in der Kinderzeit aus Kastanien zusammengebastelt wurden? Die gibt es auf der Venus auch, allerdings mit Metalllackierung und sie leben und hüpfen herum. Tun aber niemanden was. Gefährlicher ist da schon der schwarz-grün-braune Blob, der wie aus einer übergelaufenen Toilette aus einem dem Turm Pisa zum verwechseln ähnlich sehenden Geschoss über unsere Crew herüber blubbert. Viel mehr sehen die Multikulti-Verkünder allerdings nicht und so wird die Rückreise angetreten, nicht ganz ohne Märtyrer zu hinterlassen. Wieder angekommen auf der Erde fassen sich alle an den Händen und tanzen Ringelpietz im Kreis.
Ich habe den schweigenden Stern erstmals auf der Fusion 08 gesehen, 4 Uhr morgens, beseelt von Alkohol zwischen Schlafenden und Druffies. Ein feines Erlebnis und sicherlich das richtige Ambiente für diese Knallschote von ernstgemeintem Trash. Dennoch übermannte mich ein starkes Schlafgefühl nach 45 Minuten und so holte ich das Werk dieser Tage mal nach. Ich weiß jetzt auch wieder, warum ich einschlief, es waren die Biere wohl (diese Lumpen!) aber auch eine gewisse Stagnation, die unsere realsozialistische Friedensutopie hier versprüht. Ausgerechnet. Na sowas! Niemand hatte die Absicht das zu tun. Da bin ich mir ganz sicher. Aber wenn zum fünften Mal ganz subtil die Hiroshimatragödie herangezogen wird, um klar zu machen, das Frieden doch cooler wär reicht's dann auch. Aber was will man machen, der Kreativität sind im Kollektiv eben auch Grenzen gesetzt. Trotzdem ein netter, dieser Schnuckiputz.
Bei der Kombination von realsozialistischem Gesellschaftsbild und Science-Fiction muss aufgehorcht werden. In Kurt Maetzigs Der Schweigende Stern geht eine extra-bunt gemischte Crew aus Schwarzen (Angola?), Gelben (China?) und Deutschen (Brinkmann!) auf Expeditionstour zum Jupiter. Siehe da, auch die Amis wollen mit von der Partie sein, zumindest die neue Generation, die dem alten Hiroshima-Sack aus seiner amerikanischen Forschungsstation, der orginal vermutlich ein DDR-Schauspieler mit Nazivergangenheit war, erstmal den Marsch bläst. Während die friedlich-fröhliche Weltengemeinschaft (Ich entdeckte Inder, Araber, Asiaten, Afrikaner - ich glaube die DDR sah einst aus wie ein kleiner Arche Noah Zoo) sich an den Händen fasst und brav zum Abschied winkt, verkriechen sich unseren wacken Recken in ein Lego-Wespennest aus solider Plastik. Nachdem simulierte Riesenpopcörner das Schiff kurzzeitig aus der Bahn werfen, erreichen unsere Helden die Venus. Und was gibt's? Außer einem nuklearen Holocaust? Nicht mehr viel. Kennt ihr noch diese Steckpferde, die früher in der Kinderzeit aus Kastanien zusammengebastelt wurden? Die gibt es auf der Venus auch, allerdings mit Metalllackierung und sie leben und hüpfen herum. Tun aber niemanden was. Gefährlicher ist da schon der schwarz-grün-braune Blob, der wie aus einer übergelaufenen Toilette aus einem dem Turm Pisa zum verwechseln ähnlich sehenden Geschoss über unsere Crew herüber blubbert. Viel mehr sehen die Multikulti-Verkünder allerdings nicht und so wird die Rückreise angetreten, nicht ganz ohne Märtyrer zu hinterlassen. Wieder angekommen auf der Erde fassen sich alle an den Händen und tanzen Ringelpietz im Kreis.Ich habe den schweigenden Stern erstmals auf der Fusion 08 gesehen, 4 Uhr morgens, beseelt von Alkohol zwischen Schlafenden und Druffies. Ein feines Erlebnis und sicherlich das richtige Ambiente für diese Knallschote von ernstgemeintem Trash. Dennoch übermannte mich ein starkes Schlafgefühl nach 45 Minuten und so holte ich das Werk dieser Tage mal nach. Ich weiß jetzt auch wieder, warum ich einschlief, es waren die Biere wohl (diese Lumpen!) aber auch eine gewisse Stagnation, die unsere realsozialistische Friedensutopie hier versprüht. Ausgerechnet. Na sowas! Niemand hatte die Absicht das zu tun. Da bin ich mir ganz sicher. Aber wenn zum fünften Mal ganz subtil die Hiroshimatragödie herangezogen wird, um klar zu machen, das Frieden doch cooler wär reicht's dann auch. Aber was will man machen, der Kreativität sind im Kollektiv eben auch Grenzen gesetzt. Trotzdem ein netter, dieser Schnuckiputz.
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Dienstag, 20. Januar 2009
Gran Torino
Clint Eastwood, USA 2008
Das Schöne an Eastwoods Neustem ist wohl, das man mal herzlich lachen kann. Also ganz mit dem Film, nicht unbedingt über ihn (dies auch, aber das ist ja inzwischen fast Standard bei Eastwood). GRAN TORINO würde ich tatsächlich vornehmlich als Komödie einordnen. Die alte, graue Eminenz Hollywoods Clint spielt einen alten, grauen Griesgram und Rassisten (huch!) und auch die Autorität, den Moralwächter seiner Nachbarschaft und Vertreter der alten Werte. Die interkulturellen Schnittpunkte verhandelt sein Film maßgeblich, Eastwood lebt als Witwer im asiatischen Viertel eines Chicagoer Vorortes. Der alte Koreakriegsveteran hat sich das nicht ausgesucht, sondern musste die soziale Umordnung seines Viertels ohnmächtig mitansehen. Jetzt, wo seine Frau gestorben ist, will er seine Ruhe haben doch bekommt diese nicht. Eine Jugendgang terrorisiert seine asiatischen Nachbarn und langsam kommt er der Familie näher. Wie dieses Näherkommen gestaltet ist mag einer der sehr positiven Seiten des Films sein. Zwar vermag die Lo-Fi-Darstellerriege nicht viel auszurichten (mag eventuell am Old-School-Regiestil Eastwoods liegen), aber die Dialoge und Situationen sind durchaus hübsch anzuschauen. Kowalski (ja, so heißt seine Figur tatsächlich) hat eine richtig raue Schale und die beginnt man schnell zu mögen in diesem Meer aus Grummeleien, in tiefen Falten gelegten Stirn und Spuckattacken. Viel Humor funktioniert über die Ebene der Sprache und ich wäre in diesem Zusammenhang doch sehr interessiert zu sehen, wie das die deutsche Syncro transferieren will (der Film dürfte gedubbed gelinde gesagt eine herbe Lächerlichkeit sein).
Trotz der streckenweise authentischen (teilweise auch hanebüchenen) Humoristik allerdings bietet GRAN TORINO auch eine Menge Abgeschmacktes. Das fängt vom abruptem Wechsel zum ernsthaften Moralfilmchen gegen Ende - welches ich ihm damit nicht abnehmen kann - an. Wirklich unschön ist aber Eastwoods Selbstinszenierung zum einen als Vaterersatz in der asiatischen Familie (in dessen Essenz die "family values" und ein "how to be a real man" Diskurs eingelagert sind), zum Anderen als Märtyrer. Eastwood tritt am Ende als sein Schicksal akzeptierender, endlich die Ruhe findender (natürlich macht er zuletzt auch endlich seinen Frieden mit der Kirche) Moralvertreter - und damit auch als Gegenbild etwa zum Dollar-Antihelden oder Dirty Harry - auf. Altersweisheit könnte man es nennen, viel eher aber doch greise Selbstbeweihräucherung, wenn Eastwood hier zum Held im Kampf gegen das per klarer Demarkationslinie bestimmte Böse wird und gleichzeitig seine Schuld gewaltfrei abladen kann. Es kommt in Mode, dass die Stars maßgeblich ihre Projekte vorantreiben, nicht selten als Erlöserfigur. Eastwood als Oldschooler ist da keine Ausnahme.
Das Schöne an Eastwoods Neustem ist wohl, das man mal herzlich lachen kann. Also ganz mit dem Film, nicht unbedingt über ihn (dies auch, aber das ist ja inzwischen fast Standard bei Eastwood). GRAN TORINO würde ich tatsächlich vornehmlich als Komödie einordnen. Die alte, graue Eminenz Hollywoods Clint spielt einen alten, grauen Griesgram und Rassisten (huch!) und auch die Autorität, den Moralwächter seiner Nachbarschaft und Vertreter der alten Werte. Die interkulturellen Schnittpunkte verhandelt sein Film maßgeblich, Eastwood lebt als Witwer im asiatischen Viertel eines Chicagoer Vorortes. Der alte Koreakriegsveteran hat sich das nicht ausgesucht, sondern musste die soziale Umordnung seines Viertels ohnmächtig mitansehen. Jetzt, wo seine Frau gestorben ist, will er seine Ruhe haben doch bekommt diese nicht. Eine Jugendgang terrorisiert seine asiatischen Nachbarn und langsam kommt er der Familie näher. Wie dieses Näherkommen gestaltet ist mag einer der sehr positiven Seiten des Films sein. Zwar vermag die Lo-Fi-Darstellerriege nicht viel auszurichten (mag eventuell am Old-School-Regiestil Eastwoods liegen), aber die Dialoge und Situationen sind durchaus hübsch anzuschauen. Kowalski (ja, so heißt seine Figur tatsächlich) hat eine richtig raue Schale und die beginnt man schnell zu mögen in diesem Meer aus Grummeleien, in tiefen Falten gelegten Stirn und Spuckattacken. Viel Humor funktioniert über die Ebene der Sprache und ich wäre in diesem Zusammenhang doch sehr interessiert zu sehen, wie das die deutsche Syncro transferieren will (der Film dürfte gedubbed gelinde gesagt eine herbe Lächerlichkeit sein). Trotz der streckenweise authentischen (teilweise auch hanebüchenen) Humoristik allerdings bietet GRAN TORINO auch eine Menge Abgeschmacktes. Das fängt vom abruptem Wechsel zum ernsthaften Moralfilmchen gegen Ende - welches ich ihm damit nicht abnehmen kann - an. Wirklich unschön ist aber Eastwoods Selbstinszenierung zum einen als Vaterersatz in der asiatischen Familie (in dessen Essenz die "family values" und ein "how to be a real man" Diskurs eingelagert sind), zum Anderen als Märtyrer. Eastwood tritt am Ende als sein Schicksal akzeptierender, endlich die Ruhe findender (natürlich macht er zuletzt auch endlich seinen Frieden mit der Kirche) Moralvertreter - und damit auch als Gegenbild etwa zum Dollar-Antihelden oder Dirty Harry - auf. Altersweisheit könnte man es nennen, viel eher aber doch greise Selbstbeweihräucherung, wenn Eastwood hier zum Held im Kampf gegen das per klarer Demarkationslinie bestimmte Böse wird und gleichzeitig seine Schuld gewaltfrei abladen kann. Es kommt in Mode, dass die Stars maßgeblich ihre Projekte vorantreiben, nicht selten als Erlöserfigur. Eastwood als Oldschooler ist da keine Ausnahme.
Montag, 19. Januar 2009
Palermo Shooting/Nichts als Gespenster/Lulu und Jimi
Arthouseopa Wim Wenders lässt in Palermo Shooting doch tatsächlich Softrockergöre Campino durch kühlblaue Bilder marschieren. Ausgebrannt und vor dem Tod flüchtend geht's dem Artisten seelisch schlecht und wir müssen uns nun von ihm zwei Stunden lang existenzialistisches Gebrabbel vorheulen lassen. Der Mann steckt in der mid-life-crisis und das muss man dem Film lassen, in seiner bedeutungsschweren Leere findet er da irgendwie die richtigen, gedämpften Bilder. Aber dennoch, eine wahre Tortur, vor allem auch, weil diese küntlerische Selbstsuche vor italienischer Kulisse zum elitären Schmalz verkommt. Am Ende trifft Schmalspur-Schauspieler Campino den Tod (Dennis Hopper) und Wenders macht, was jeder anspruchsvolle Regisseur gerne mal inszenieren würde: Eine Konversation seines Künstlers mit dem Ewigen. Bringt in dieser stummen Welt aber nicht mehr viel, die Schwerenot hat bereits alles erdrückt.
Echt deutsches Befindlichkeitskino, bitterkalt, scheußlich bedrückend und schwermütig wie ein NS-Melodram ist Martin Gypkens Nichts als Gespenster. In diversen Kurzgeschichten prätendiert diese ihre Lockerheit und Filigranität nur behauptende Jugend-Mär einen wortkargen Symbolismus, als ob jede Sommerbrise schon ein Kunstwerk wäre. Den blauen Frabfilter gleich mitgedacht. Sowas wird heutzutage gern gesehen und ist wahrscheinlich tatsächlich so etwas wie "junges deutsches Kino" der nächsten Generation. Die vollkommene Leere im getrübten Bild lässt sich anscheinend besser aushalten als dem modernen europäischen treiben gar nichts entgegenzusetzen zu haben. Und so werden die Prototypen der 30+ Generation in labile Geschichtchen verpflanzt, auf das die Bedeutungsschwere nur so zu sprießen vermag. Gestenkino, Blicke und ein Seufzen. Aber wo ist das Herz?
Oskar Roehler ist bekannt für sein exorbitantes Schwelgen im Emotionalen, auf das dieses schon in schlingensiefsche Verrücktheit transzendiert. Lulu und Jimi ist sein neues Werk - diesmal dezidiert auf positiven Gefühlen gegründet - und zeigt den Ausbruch eines schwarz-weißen Pärchens aus dem engen Deutschland der 60er Jahre im Aufblühen des Rock'n'Roll. Immerhin entgeht er hier der verlogenen Dramaumgestaltung seiner vorausgegangenen Filme zum gradwandernden Mumpitz zwischen Zynismus und deutschen Komödientum. Stattdessen wirkt sein Halb-Musical fast entfesselt freigeistig, wenngleich wie im Zwischenreich einer Daily Soap und eines stilistisch angedeuteten Gesellschaftsausbruchs versumpfend.
Echt deutsches Befindlichkeitskino, bitterkalt, scheußlich bedrückend und schwermütig wie ein NS-Melodram ist Martin Gypkens Nichts als Gespenster. In diversen Kurzgeschichten prätendiert diese ihre Lockerheit und Filigranität nur behauptende Jugend-Mär einen wortkargen Symbolismus, als ob jede Sommerbrise schon ein Kunstwerk wäre. Den blauen Frabfilter gleich mitgedacht. Sowas wird heutzutage gern gesehen und ist wahrscheinlich tatsächlich so etwas wie "junges deutsches Kino" der nächsten Generation. Die vollkommene Leere im getrübten Bild lässt sich anscheinend besser aushalten als dem modernen europäischen treiben gar nichts entgegenzusetzen zu haben. Und so werden die Prototypen der 30+ Generation in labile Geschichtchen verpflanzt, auf das die Bedeutungsschwere nur so zu sprießen vermag. Gestenkino, Blicke und ein Seufzen. Aber wo ist das Herz?
Oskar Roehler ist bekannt für sein exorbitantes Schwelgen im Emotionalen, auf das dieses schon in schlingensiefsche Verrücktheit transzendiert. Lulu und Jimi ist sein neues Werk - diesmal dezidiert auf positiven Gefühlen gegründet - und zeigt den Ausbruch eines schwarz-weißen Pärchens aus dem engen Deutschland der 60er Jahre im Aufblühen des Rock'n'Roll. Immerhin entgeht er hier der verlogenen Dramaumgestaltung seiner vorausgegangenen Filme zum gradwandernden Mumpitz zwischen Zynismus und deutschen Komödientum. Stattdessen wirkt sein Halb-Musical fast entfesselt freigeistig, wenngleich wie im Zwischenreich einer Daily Soap und eines stilistisch angedeuteten Gesellschaftsausbruchs versumpfend.
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Wim Wenders
Samstag, 17. Januar 2009
The Maltese Falcon/Fahrstuhl zum Schafott/The Left Handed Gun
Bei meinen letzten Filmklassikersichtungen lange nicht mehr so eine herbe Enttäuschung wie The Maltese Falcon gesehen. Einer der Ur-Noirs, der zunächst gewohnt anfängt und nach einer Weile ausufert zu einem vollkommen inkohärenten Figurenbrei ohne Atmosphäre. Ich fing an mit meinem Kumpanen konsequent Fragen zu stellen über Noir, über Filmhistorie und die Einordnung eines allgemeinen Filmkanon. Über Schauspieltechniken, Schauspieler (Bogart wirkt hier so furchtbar gelangweilt und gesichtslos) und Inszenierungsstrategien. Die Filmsichtung war ein voller Erfolg, der Film aber machte mich letztendlich fast wütend.
Ein weitaus schönerer Noir ist allerdings Louis Malles Fahrstuhl zum Schafott. Großartig die Fließbewegungen des Films, die Stimmungsmache im besten Sinne. Die Verlorenheit in der Nacht eines dunklen Paris, durch das Jeanne Moreau verzweifelt, traurig, entseelt zieht, durch diese Nacht mit Miles Davis, der dem Moment die verlorene Schönheit gibt, das gibt dem Film soviel mehr Power als es ein vergleichsweise träg-fader Malteser Falke zu keinem Zeitpunkt zu schaffen vermag auszudrücken. Die Zerheckselung des Narrativen muss man in diesem Atmosphärenstück erstmal verdauen - die Nouvelle Vague blinzelt eben steht's ins Gesicht - aber die Konsequenz mit der alle Figuren in den gesellschaftlichen Suizid dank ihres geißelnden Egoismus getrieben werden ist beeindruckend. Das Niveau der Moreau-Szene beispielswiese hält das Werk zwar nicht durch, nichtsdestotrotz ist Ascenseur pour l'échafaud eine kleine Perle des Noir.
Arthur Penns Leinwand-Erstling The Left Handed Gun ist auch zugleich seine kleine Erzählung über Billy The Kid. Paul Newman braucht dafür nicht viel mehr als einmal durch seine schon im frühen Alter verkniffenen Augen zu blinzeln und drin ist man im Mythos. Man merkt dem jungen Penn noch eine leichte Unbeholfenheit an, vor allem was Figurenausgestaltung angeht, setzt der Film doch eine ganze Horde an Cowboys ins Bild ohne an ihnen so wirklich Konturen zeichnen zu können. Glücklicherweise fokussiert sich Einer muss dran glauben schlussendlich wieder vollends auf seinen Protagonisten und zeichnet Newmans Kid zwischen jugendlichem Übermut, Star-Narzissmus und der Einsicht, sich in eine ausweglose Tragik verrannt zu haben. In wunderbar theatralischer Gestik opfert sich der verlorene Held zugunsten eines anarchischen Rufes und des vogelfreien, kurzen aber wilden Lebens.
Ein weitaus schönerer Noir ist allerdings Louis Malles Fahrstuhl zum Schafott. Großartig die Fließbewegungen des Films, die Stimmungsmache im besten Sinne. Die Verlorenheit in der Nacht eines dunklen Paris, durch das Jeanne Moreau verzweifelt, traurig, entseelt zieht, durch diese Nacht mit Miles Davis, der dem Moment die verlorene Schönheit gibt, das gibt dem Film soviel mehr Power als es ein vergleichsweise träg-fader Malteser Falke zu keinem Zeitpunkt zu schaffen vermag auszudrücken. Die Zerheckselung des Narrativen muss man in diesem Atmosphärenstück erstmal verdauen - die Nouvelle Vague blinzelt eben steht's ins Gesicht - aber die Konsequenz mit der alle Figuren in den gesellschaftlichen Suizid dank ihres geißelnden Egoismus getrieben werden ist beeindruckend. Das Niveau der Moreau-Szene beispielswiese hält das Werk zwar nicht durch, nichtsdestotrotz ist Ascenseur pour l'échafaud eine kleine Perle des Noir.
Arthur Penns Leinwand-Erstling The Left Handed Gun ist auch zugleich seine kleine Erzählung über Billy The Kid. Paul Newman braucht dafür nicht viel mehr als einmal durch seine schon im frühen Alter verkniffenen Augen zu blinzeln und drin ist man im Mythos. Man merkt dem jungen Penn noch eine leichte Unbeholfenheit an, vor allem was Figurenausgestaltung angeht, setzt der Film doch eine ganze Horde an Cowboys ins Bild ohne an ihnen so wirklich Konturen zeichnen zu können. Glücklicherweise fokussiert sich Einer muss dran glauben schlussendlich wieder vollends auf seinen Protagonisten und zeichnet Newmans Kid zwischen jugendlichem Übermut, Star-Narzissmus und der Einsicht, sich in eine ausweglose Tragik verrannt zu haben. In wunderbar theatralischer Gestik opfert sich der verlorene Held zugunsten eines anarchischen Rufes und des vogelfreien, kurzen aber wilden Lebens.
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Dienstag, 13. Januar 2009
SherryBaby/May/Storytelling
Das Motiv, auf welches man jegliche Filme der Drama-Competition beim Sundance-Wettbewerb herunterbrechen kann, ist jenes der dysfunktionalen Familie. Gerne auch anhand kaputter Einzelfiguren. In SherryBaby verfolgen wir Maggie Gyllenhaal als white trash girl direkt aus dem Knast ins neue Leben. Mich wundert es ja manchmal doch, wie sehr die Amis auf Schauspieler und ihre Darstellung von kaputten Figuren fokussiert sind. Das kann hier und da mal äußerst interessant sein (bei The Wrestler etwa), manchmal aber auch reichlich schleppend. SherryBaby ist solch ein new american drama und schmeckt recht fade, denn was er zeigt ist nur eine Welt, in der jeder seine Beschränktheiten erkennen muss, alles seine Ursachen hat und am Ende bei passender Einsicht doch alles irgendwie gut wird.
3 mögliche Lesarten rattern mir bei der Sichtung von Lucky McKees May durch den Kopf. Und zwei davon gefallen mir ganz und gar nicht. May wirkte auf mich durchweg wie ein durchgestylter Kandidat aus der Gothic-Chic Fraktion. Das Bemitleiden einer "weirden" Makaberista, das ausgestellte Außenseitertum, die Codierungen und Symboliken, die Trauer welche zurück bleibt - alles Anzeichen für die Idee dahinter. Zum Zweiten erinnert alles in May an Sundance und den hippen Indy-Film. Die breitgefahrenen Alternativ-Rock-Nummern und auch das Ambiente passen bestens in das mit jedem von dort in die Welt hinausgeschickten Film unsympathischer werdende Indy-Mekka. Die dritte, unbelastetste und vielleicht auch naivste Lesart spricht lediglich vom Erkenntnisgewinn eines genauen Hinschauens auf Liebesgefüge. Die Vereinnahmung des Partners, das selbst geschaffene Idealbild, die narzisstische Kränkung, die nach außen getragenen seelischen Verletzungen in roher Gewalt - das alles findet eine inhaltliche Metapher in McKees kleinem Trauerspiel mit fröhlichem Pfeifen...
In Storytelling hat Todd Solondz erstmals so richtig Lust auf fieses Getue. Keine Figur in seiner überzeichneten Groteske kommt ungeschoren davon. An thematischen Heikelkeiten (Rassismus, Behinderung, Ausbeutung, Homosexualität etc.) entlang hangelnd verheizt Solondz bitterböse sein komplettes Arsenal, vom gutbürgerlichen Familienvater (John Goodman) über den perversen Literaturprof, bis zum Vollzeit-Loser, der auf dem Rücken seiner Figuren einen halbseidenen Pseudo-Dokumentarfilm dreht (Paul Giamatti). In jener Figur spiegelt sich dann auch zweierlei: Zum Einen die Abrechnung mit dem von Solondz verhassten American Beauty, auf den er bewusst anspielt (und der ihm ganz offensichtlich geheuchelt und verlogen vorkommt). Zum Anderen reflektiert er seine eigene Rolle als Arschloch, das hier seine Figuren bloßstellt. Er spielt ganz bewusst mit den Kategorien "Fiktion" und "Non-Fiktion" und lässt die Grenzen im Film verschwimmen, während sein Werk als Ganzes nur zu offensichtlich eine boshaft-hämische Konstruktion ist. Ob die Thematisierung dieser Tatsache von ihm selbst den ganzen Film aber automatisch "entschuldigt" vermag ich nicht zu sagen. Ein Narzisst, der sagt, dass er einer ist, wird ja auch nicht automatisch zum Sympathen.
3 mögliche Lesarten rattern mir bei der Sichtung von Lucky McKees May durch den Kopf. Und zwei davon gefallen mir ganz und gar nicht. May wirkte auf mich durchweg wie ein durchgestylter Kandidat aus der Gothic-Chic Fraktion. Das Bemitleiden einer "weirden" Makaberista, das ausgestellte Außenseitertum, die Codierungen und Symboliken, die Trauer welche zurück bleibt - alles Anzeichen für die Idee dahinter. Zum Zweiten erinnert alles in May an Sundance und den hippen Indy-Film. Die breitgefahrenen Alternativ-Rock-Nummern und auch das Ambiente passen bestens in das mit jedem von dort in die Welt hinausgeschickten Film unsympathischer werdende Indy-Mekka. Die dritte, unbelastetste und vielleicht auch naivste Lesart spricht lediglich vom Erkenntnisgewinn eines genauen Hinschauens auf Liebesgefüge. Die Vereinnahmung des Partners, das selbst geschaffene Idealbild, die narzisstische Kränkung, die nach außen getragenen seelischen Verletzungen in roher Gewalt - das alles findet eine inhaltliche Metapher in McKees kleinem Trauerspiel mit fröhlichem Pfeifen...
In Storytelling hat Todd Solondz erstmals so richtig Lust auf fieses Getue. Keine Figur in seiner überzeichneten Groteske kommt ungeschoren davon. An thematischen Heikelkeiten (Rassismus, Behinderung, Ausbeutung, Homosexualität etc.) entlang hangelnd verheizt Solondz bitterböse sein komplettes Arsenal, vom gutbürgerlichen Familienvater (John Goodman) über den perversen Literaturprof, bis zum Vollzeit-Loser, der auf dem Rücken seiner Figuren einen halbseidenen Pseudo-Dokumentarfilm dreht (Paul Giamatti). In jener Figur spiegelt sich dann auch zweierlei: Zum Einen die Abrechnung mit dem von Solondz verhassten American Beauty, auf den er bewusst anspielt (und der ihm ganz offensichtlich geheuchelt und verlogen vorkommt). Zum Anderen reflektiert er seine eigene Rolle als Arschloch, das hier seine Figuren bloßstellt. Er spielt ganz bewusst mit den Kategorien "Fiktion" und "Non-Fiktion" und lässt die Grenzen im Film verschwimmen, während sein Werk als Ganzes nur zu offensichtlich eine boshaft-hämische Konstruktion ist. Ob die Thematisierung dieser Tatsache von ihm selbst den ganzen Film aber automatisch "entschuldigt" vermag ich nicht zu sagen. Ein Narzisst, der sagt, dass er einer ist, wird ja auch nicht automatisch zum Sympathen.
Sonntag, 11. Januar 2009
Mother's Day
Charles Kaufman, USA 1980
Kaufmans hochinteressanter Genrehybrid übt sich im ungezügelten, ungezogenen Tonlagenwechsel wie kaum ein anderer Film Vordergründig ist Mother's Day Backwood-Horror und Slaherfilmchen. 2 muntere Debilos malträtieren gerne mal den urbanen Jungmenschen, der zur Erholung in die Waldgebiete um Chicago tourt. Das Alles vor den funkelnden Augen ihrer hochverehrten Mutter. 3 junge Damen, gerade die Schwelle des Erwachsenwerdens überschritten, verirren sich nun in die Hände dieser Unmenschen. Nach dem "Spiel" mit dem ersten Opfer, welches fließend übergeht in Vergewaltigung und Mord, können sich die anderen beiden Mädels befreien und bereiten den Gegenschlag vor.
Im Kern und unter der Oberfläche ist Mother's Day eine Versuchsanordnung über Adoleszenz und die Überwindung der Grenzen zum Erwachsenwerden. Die bösen Buben sind tatsächlich eigentlich nur sadistische Kinder, die sich gerne auch mal 5 Minuten lang (!) raufen. Entscheidend ist die Beziehung zur Mutter, die ihre beiden Süßherzen an sich binden will, für immer und ewig. Zuckerbrot und Peitsche sind die Methoden, die Peitsche dürfen aber gerne die Bengel ausprobieren an ihrem "Spielzeug". Mutter lässt die Burschen von der Leine, auf dass sie fließig ihren Spiel-, Sex- und Aggressionstrieb ausleben können, um dann geschafft wieder zurückzukehren zur old mama. Damit das alles in gelenkten Bahnen abläuft schaut die Dame des Hauses bei all den Schandtaten zu, gibt Anweisungen und verpackt die Triebabfuhr ihrer Zöglinge in Spielen. Doch halt: Bevor es losgeht bekommt Mutti erstmal noch ein Bussi...
Die Jungs sind auch weiterhin tief in der Pubertät stecken geblieben. Wecken lassen sie sich vom Bebop-Wecker, trainieren ihre Männlichkeit in einer eigens eingerichteten Muckibude und haben überall in der Wohnung latent homosexuelle Poster von durchtrainierten Vorbildern hängen. Die drei Frauen hingegen haben sich aus der Phase einer unbeschwerten Jugend bereits hinaus bewegt. Die Rückkehr zum gemeinsamen "Miteinandersein" wie in früheren Jahren steht im Kontrast zur steckengebliebenen Entwicklung der Mörderfamilie.
Das weibliche Empowerment gerät im Rape and Revenge Streifen zum zentralen Motiv, nachdem die Gebrüder Grimmig niedergemetzelt wurden (Axt in den Hoden ist da eine Selbstverständlichkeit) geht es der Mutter an den Kragen. Da hier eh alles over the top ist, wird diese mit aufblasbaren Gummititten zur Strecken gebracht, während der Mutter-Komplex bei der Mörderin hervorbricht. Und als ob das noch nicht genug des Schabernacks wäre spingt in letzter Sekunde auch noch die Tante (eine Hexe) aus dem Busch.
Kaufmans manchmal etwas schwierig austarierter Schizo ist zwischen dem Gewaltexzess und dem Drama (ja, die Mädel-Figuren werden ganz im Gegensatz zu den fiesen Typen ziemlich ernst genommen) eindeutig auch eine Satire mit gar Slapstick Momenten. Irgendwann zwischendrin gibt es mal eine vollkommen unzusammenhängend hineingeschnittene Szene aus dem High Society Jet Set in Hollywood. Man fragt sich Häh? Irgendwie aber eigentlich auch nicht. Mother's Day fordert dazu auf Spass zu haben. Dem sollte man nachkommen.
Kaufmans hochinteressanter Genrehybrid übt sich im ungezügelten, ungezogenen Tonlagenwechsel wie kaum ein anderer Film Vordergründig ist Mother's Day Backwood-Horror und Slaherfilmchen. 2 muntere Debilos malträtieren gerne mal den urbanen Jungmenschen, der zur Erholung in die Waldgebiete um Chicago tourt. Das Alles vor den funkelnden Augen ihrer hochverehrten Mutter. 3 junge Damen, gerade die Schwelle des Erwachsenwerdens überschritten, verirren sich nun in die Hände dieser Unmenschen. Nach dem "Spiel" mit dem ersten Opfer, welches fließend übergeht in Vergewaltigung und Mord, können sich die anderen beiden Mädels befreien und bereiten den Gegenschlag vor.Im Kern und unter der Oberfläche ist Mother's Day eine Versuchsanordnung über Adoleszenz und die Überwindung der Grenzen zum Erwachsenwerden. Die bösen Buben sind tatsächlich eigentlich nur sadistische Kinder, die sich gerne auch mal 5 Minuten lang (!) raufen. Entscheidend ist die Beziehung zur Mutter, die ihre beiden Süßherzen an sich binden will, für immer und ewig. Zuckerbrot und Peitsche sind die Methoden, die Peitsche dürfen aber gerne die Bengel ausprobieren an ihrem "Spielzeug". Mutter lässt die Burschen von der Leine, auf dass sie fließig ihren Spiel-, Sex- und Aggressionstrieb ausleben können, um dann geschafft wieder zurückzukehren zur old mama. Damit das alles in gelenkten Bahnen abläuft schaut die Dame des Hauses bei all den Schandtaten zu, gibt Anweisungen und verpackt die Triebabfuhr ihrer Zöglinge in Spielen. Doch halt: Bevor es losgeht bekommt Mutti erstmal noch ein Bussi...
Die Jungs sind auch weiterhin tief in der Pubertät stecken geblieben. Wecken lassen sie sich vom Bebop-Wecker, trainieren ihre Männlichkeit in einer eigens eingerichteten Muckibude und haben überall in der Wohnung latent homosexuelle Poster von durchtrainierten Vorbildern hängen. Die drei Frauen hingegen haben sich aus der Phase einer unbeschwerten Jugend bereits hinaus bewegt. Die Rückkehr zum gemeinsamen "Miteinandersein" wie in früheren Jahren steht im Kontrast zur steckengebliebenen Entwicklung der Mörderfamilie.
Das weibliche Empowerment gerät im Rape and Revenge Streifen zum zentralen Motiv, nachdem die Gebrüder Grimmig niedergemetzelt wurden (Axt in den Hoden ist da eine Selbstverständlichkeit) geht es der Mutter an den Kragen. Da hier eh alles over the top ist, wird diese mit aufblasbaren Gummititten zur Strecken gebracht, während der Mutter-Komplex bei der Mörderin hervorbricht. Und als ob das noch nicht genug des Schabernacks wäre spingt in letzter Sekunde auch noch die Tante (eine Hexe) aus dem Busch.
Kaufmans manchmal etwas schwierig austarierter Schizo ist zwischen dem Gewaltexzess und dem Drama (ja, die Mädel-Figuren werden ganz im Gegensatz zu den fiesen Typen ziemlich ernst genommen) eindeutig auch eine Satire mit gar Slapstick Momenten. Irgendwann zwischendrin gibt es mal eine vollkommen unzusammenhängend hineingeschnittene Szene aus dem High Society Jet Set in Hollywood. Man fragt sich Häh? Irgendwie aber eigentlich auch nicht. Mother's Day fordert dazu auf Spass zu haben. Dem sollte man nachkommen.
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