Donnerstag, 2. Oktober 2008

Filmfest Hamburg 2008 # 4

Eröffnungs- und Abschlussfilme sind so eine Sache. Da das Filmfest Hamburg kein wirkliches Profil besitzt, und vor allem keinen richtigen Wettbewerb kann die Wahl dieser beiden Filmchen der Veranstaltung wenn schon kein Gesicht dann doch zumindest eine Maske geben. Als Opener wählt man nun regelmäßig deutsche Gebrauchsware, und hieß es erst noch der bestimmt ganz großartige Schnapschuss ins Techno-Submilieu Berlin Calling solle dies sein, änderte das Fest es noch zum nicht minder bemittelten Nordwand. Viel Spass dabei! Tradition verpflichtet. Auch Schlechte.

Der Abschlussfilm immerhin hörte sich zumindest auf dem Papier an als ob man dazu morgens um 10 sein Nickerchen fortsetzen kann, da man sich doch nicht allzu sehr über den Schmonzes auf der Leinwand aufregt. Eldorado handelt von 2 Männekens, die gemeinsam in die weite Welt ziehen, einer ein Griesgram mit weichem Herz, der andere eine bemitleidenswerter Drogie. Stilsicher wandelt der Film dann zwischen traurig sein machen und Schmunzeln so breit die Mundwinkel reichen. Nanu, sowas kennt man doch nur aus Skandinavien?! Nee, die Belgier können das auch ganz gut, und wenn das jetzt schon dort angekommen ist, könnte man dann nicht mal drüber nachdenken sich auch mal wieder an anderen, ehrlicheren Humor umzusehen? Wenn dieser Film ein Profil des Festivals umreißen soll, dann könnten man sich fast schämen hier Dauergast zu sein.

Ein ganz anderes Kaliber dann schon Adhen von Rabah Ameur-Zaïmeche. Der Algerier bringt den Arbeiterfilm zurück aufs Parkett, Marx würde sich da vielleicht freuen. Fragmentarisch erzählt das Werk von einer Schar nordafrikanischer Einwanderer in Frankreich, die sich in einer Paletten-Fabrik verdingen. Es geht um Religion und Arbeit, um Traditionen und Anpassung. Alles mündet in einen offenen Konflikt und Streik. Der Film ist eine Sitzprobe sondergleichen, bleibt ästhetisch naiv und simpel und entfaltet dadurch seine Kraft - wenn man nicht schon längst das Kino verlassen hat.

Spannender da schon, was Pablo Larrain in Tony Manero veranstaltet. Verrückt ist das, bekloppt, hanebüchen, unangenehm. Er schickt uns auf die Reise mit einem Unsympathen, John Travolta-Verehrer und Serienmörder. Letztgenannter Fakt ist ebenso im Nebenbei zu betrachten wie die Pinochet-Diktatur, die dort im Hintergrund rauscht. Denn das Ganze spielt im Chile der 70er Jahre. Da werden Menschen auch mal gefoltert und abgeführt. Das findet aber Off-screen statt, denn unsere Kamera interessiert sich nur für das Ekel Raoul. Der NebenAffekt bedeutet damit auch: Die Morde des Mannes, dessen Schweißperlen wir stets sehen können machen uns mehr zu schaffen als das gesellschaftliche Klima, das wir - wie er - nur partiell wahrnehmen. Ein dreckiger kleiner Film ist das, der bei mir noch Stunden nach der Sichtung für vollkommene Unschlüssigkeit sorgte. Inzwischen weiß ich: Diese Schweinerei gefällt mir. Und eine Zweitsichtung ist nötig.

Glanz und Glorie verbinden sich mit dem Namen Versailles - in Pierre Schöllers gleichnamigen Film sieht der europäische Edelort für gelangweilte Touristen auf einmal ganz düster, dreckig und grau aus. Er erzählt die Geschichte eines Kindes, das immer wieder aufs Neue verstoßen wird. Zunächst von der noch jungen Mutter im Stich gelassen, wächst es bei Aussteigern im Wald auf. Später dann kommt es in eine gutbürgerliche Familie, doch die Bindungsschäden sind inzwischen zu stark sichtbar. In Frankreich läuft etwas gewaltig schief mit dem sozialen Netz. Das verstoßene Kind darf - muss aber auch nicht - gerne sinnbildlich gesehen werden für die Schäden des Rechtsrucks, den die Bürger ertragen müssen. Der Film funktioniert auch deshalb so gut, weil alle Figuren glaubhaft vermittelt werden und die Narben ihrer eigenen Geschichte tragen.

Versailles ist auch deshalb ein schöner Film, weil er keine Künstlichkeit prätendiert. Das Hauptproblem eines der Centerpieces des Festivals - Nuri Bilge Ceylans Three Monkeys. Der Film beschaut sich die Auswirkungen eines Lügenkonstrukts. Ein Vater und Chauffeur für einen führenden Politiker geht für diesen in den Knast. In dieser Zeit vergnügt sich die Ehefrau mit dem selbstverliebten Mann, der die anstehende Wahl trotz der nicht herausgekommenen Affären haushoch verliert. Irgendwann bekommt der Sohn die Situation spitz, der Vater kommt aus dem Knast und die Lage eskaliert... Ceylans Film strotzt nur so vor Schwerfälligkeit in seinen getönten Bildern. Die schroffe Aura, die poetische Tragik in jedem transportierten Bild, die Wortlosigkeit, alles sorgt dafür, dass Three Monkeys lange Zeit ein intensives Filmerlebnis ist. Irgendwann aber wird der Zuschauer dem Gehabe überdrüssig. In Cannes schliefen die Hälfte der Kritiker während der Vorführung ein. Das ist auch kein Wunder, denn wer möchte sich schon 110 Minuten in dieser konstruierten Prätention ergehen? Ceylan macht durch sein Bestehen auf die bleierne Bedachtsamkeit auf die Überlänge erstreckt seinen Film und dessen Wirkung kaputt. Ein interessantes, aber unbefriedigendes Filmerlebnis.

Bliebe noch eine Runde Entspannung: Tokyo! umfasst drei ca 30 Minüter von drei uns bekannten Namen. Michael Gondry präsentiert uns in Interior Design einen Studentenfilm, jeder der mal in einer viel zu kleinen Butze bei Freunden untergekommen ist wird sich hier wiederfinden dürfen. Gondry inszeniert Tokyo wie es für kleines Geld eben aussieht. Enger Raum für junge Menschen. Leos Carax legt es da schon bunter und lauter an: In Merde lässt er ein koboldähnliches Wesen (Denis Lavant) auf die Japaner los, dass diese nicht ausstehen kann und terrorisiert. Carax Parabel auf Terrorismus, Fanboytum und Medien lässt sich kritisch an und erfreut sich des Bumors eines Jean-Pierre Jeunet. Kann also gar nicht so schlecht sein. Joon-ho Bong schaut am Ende noch mit seinem Märchen Shaking Tokyo in die Runde. Ein soziopathischer Einzelgänger und Zwangi schließt sich in seine Wohnung ein bis eines Tages eine Gleichgesinnte seine Denke durcheinanderwirbelt. Für den sympathischen Schnuckel gilt wie für viele Episodenwerke. Schön anzusehen, aber Druck und Erwartungen nicht zu hoch ansetzend eben auch nur verarbeitete Ideechen ohne Anspruch auf allzu große Seriösität.

Sonntag, 28. September 2008

Filmfest Hamburg 2008 # 1+2

From low culture to low culture
Eine hochgeschätzte Schreiberin aus der taz erquickt sich regelmäßig daran, dass auf Filmfestivals (v.a. Venedig) auch mal B-Movies oder von ihr betitelte Abbildungen der "low culture" ihren Platz finden. Dass sollte auch auf dem Filmfest Hamburg nicht anders sein, und so startete die Filmrundschau für mich persönlich dieses Jahr mit dem Sundance-Erfolg und potentiellen San Sebastian Sieger Frozen River von Courtney Hunt (nein, den Opener Nordwand habe ich mir wohlweislich nicht gegeben. Nichts kann einem schlechtere Laune bereiten als die trendige deutschtümelnde "Geschichtsaufarbeitung"). Der kleine Ami konzentriert sich auf das White Trash Milieu im State of New York und beobachtet eine vom Leben gezeichnete Mutter bei ihren Bemühungen durch das Schleusen illegaler Einwanderer das letzte, nötige Cash zusammenzukratzen. Wo Überlebenkampf endet und Menschlichkeit anfängt beschreibt das verschneite Drama in ruhigen Bildern. Eine "low culture" beschreibt auch der argentinische Zeitdehner Liverpool von Lisandro Alonso. Der Film gehört zu den Kandidaten, die ihre ungläubig zu bestaunenden Landschaftsbilder ausstellen (das ländliche Argentinien von Schnee bedeckt) und meinen damit alles gesagt zu haben. Die Geschichte des blass-trüben Seemanns, der seine Mutter, die ihn nicht mehr wiedererkennt, besucht könnte jedenfalls nicht unmaßgeblicher sein. Die Kamera bleibt hängen an ihren elend-langen Einstellungen und penetriert die Nerven des Zuschauers. Die Hälfte des Publikums hat dies nicht durchgehalten.

Filmfest hin oder her, unglücklicherweise wurde ein weiterer, großer Event der low culture auf diesen Freitag gelegt, nämlich das Fußballrowdytum, das sich allwöchentlich über Testosteron - besser: Bierbauch-Deutschland legt, hatte einen Pflichttermin zu verbuchen: Nach 6 Jahren spielte der FC St.Pauli wieder bei Hansa Rostock. Das bedeutete in vergangenen Tagen (den 90ern) 10% rechte Stiernacken-Hools und 90% durchtrainierte Bierbauch-Bauern treffen auf allerlei linkes Gesindel vom gemäßigten Pädagogik-Studenten bis zum radikalen Antifa. Heutzutage sieht das Bild nicht viel anders aus, doch irgendwie sind alle müde geworden und hängen nur noch schlaff in der Kurve. So fuhren wir auch gleich in einer Karre mit einem Rostocker Anhänger (30-jähriger Ex-BWL-Student, Gel-Haar, Kennzeichen: markige Runterbuttersprüche) und einem Pauli-Fan (19, Zivi, Ziegenbärtchen). Alles nicht mehr so dicke mit der Feindschaft, und so sah das behäbige 3:0 auch wie ein Sieg gegen jeden anderen Gegner aus, wenngleich die Fans ihre kreativen "Scheiß Pauli" Rufe gut und gerne alle 5 Minuten erneut aufführten. Das heilige Ritual von Menschenähnlichem hinter mir bepöbelt und angemacht zu werden durfte nicht fehlen, hier zeigte sich Fußballgott allerdings ungleich kreativer als beim Spiel an sich und ließ eine Dorfdiscopille mit dem Charme einer echten Nordostdeutschen die Worte "Du Scheiß Eunuch!" mehrmals wiederholen. Mein Beklatschen zur kreativen Wortwahl wurde mit Bespucken quittiert. Das ist doch mal ein fairer Gestenabklatsch oder?!

From low culture to high culture
Zurück beim Filmfest heute in aller Herrgottsfrühe erwartete mich zunächst einmal filmkünstlerisch Hochwertiges: Der Brite Terence Davies erschafft mit Of Time and the City eine Hommage an Liverpool, eine Filmcollage mit viel Archivfootage und Elegie, deren Bilder leider anscheinend nicht für sich selbst stehen können und einen Märchenerzähler an die Seite gestellt bekommen, der die Tonspur durchweg dominiert. Der große mexikanische Abräumer beim Festival in Guadalajara The Desert Within im Anschluss benötigt solcherlei Erzählmodus nicht. Das bleischwere katholische Drama berichtet vom Vater, der seinem Fehler das Leben eines Priesters durch den Egoismus sein Kind unbedingt taufen lassen zu wollen aufs Spiel setzt, in religiösem Übereifer ummünzt und die Schuld auf das getaufte Kind projiziert. Die Tiefe Tragik und der herunterziehende Gemüt des Films ändern nichts an den zwei möglichen Lesarten - neben jener der Kritik eines religiösem Fanatismus gibt es auch den Präsenzgestus, der an Erhabenheit und tiefer Erfurcht vor dem Katholizismus nichts vermissen lässt. Technisch perfekt umgesetzt, schwitzt man als Betrachter ob des Popanz doch etwas.

Gut und gerne als schwarz/weiß-Reinfall möchte ich All That She Wants von der "kanadischen Arthouse-Hoffnung" (Programmheft) Denis Côté bezeichnen. In lässiger Lethargie wird hier kanadischer White Trash (Aha, wieder unten angekommen!) gezeigt, und irgendwo zwischen den "Schockbildern" einer angedachten Vergewaltigung einer minderjährigen Russin und dem Stemmen gegen eine "männerdominierte Welt" (nochmal Programmheft) darf sich jeder seinen eigenen Reim auf einen Film machen, dessen Figuren nicht kaltherziger gezeichnet hätten werden können. Das Gleiche in schwarz (man verzeihe mir diesen Kalauer) dann im Anschluss aus Südafrika mit Darrell Roodts Zimbabwe, nur ungleich naiver, arthousebefreiter, moralverseuchter und technisch abgefuckter. An die Digitalkamera ohne Windschutz muss man sich erstmal gewöhnen, irgendwann klappt es aber und wir bekommen die Geschichte eines Mädchens erzählt, das nach dem HIV-Tod der Eltern nacheinander von Tante, Cousin, Zwischenhändler, Aufsichtsperson und weißem Chef und Chefin (bei denen sie putzt) ausgenutzt wird. Dem schnurgeraden Filmchen steht es da gut zu Gesicht, dass er seine Figuren rund um die Hauptfigur bitterböse zeichnet und am Ende nicht davor zurückschreckt gleich auf 3 Vergewaltigungen anzuspielen. Keine Frage, die Weißen sind hier vor allem die Bösewichter in ihren Stahlzaunkolossen in Johannesburg, aber damit möchte ich eigentlich kein Problem haben. Eher vielleicht mit dem zu stark im Vordergrund stehenden Dilettantismus und der simplen Moral am Ende.

Angekommen in der Höchstkultur
Eigentlich mal Zeit für einen guten Film, oder?! Mit Adoration verband ich am heutigen Tage meine größten Hoffnungen. Der kanadische Arthouseliebling mit ägyptisch-armenischen Wurzeln - Atom Egoyan - bekam den Douglas-Sirk-Preis verliehen, und wie schon im letzten Jahr gab es in der Hamburger Gute-Laune-Kultur-Society erst einmal eine Laudatio. Eine doppelte wohlgemerkt, denn er bemüßigte sich nach dem selbstbeweihräucherndem Auftritt von Wim Wenders auch Vizebürgermeisterin Christa Goetsch auf die Bühne. Nachdem Wenders schläfrige olle Kamellen aus der Mottenkiste ausgepackt hatte (in den 80ern hat er seinen Preis in Montreal an den damals noch jungen Egoyan weitergereicht - Klatsch! Klatsch! Herr Wenders), durfte Goetsch den Namen des Geehrten auch nochmal falsch aussprechen, um sich dann über sein "Oevre", dass er ja besitzt wie Festivalleiter Albert Widerspiel so gedankenscharf feststellte, zu freuen. Die ganze Chose gab es ja im letzten Jahr bereits ebenfalls, nur konnte/wollte sich dort Laudator Matussek nicht so lange auf der Bühne halten wie es Wenders und Goetsch taten. Nach 45 Minuten durfte dann der Film beginnen. Mein erster Egoyan begann erwartet bedeutungsschwer, aufgeladen und verstrickt. "Assoziativ" wurde das genannt, nun ja, anstregend und figurendistanziert ist es zunächst. Das Besondere am neuen (und den alten?) Egoyan ist nun die langsam greifende Psychologisierung der Protagonisten. Weiter und weiter dringt man in ihre Welt vor, erfährt informationsmanagementmäßig hübsch gelöst viele charakterliche Wendungen und muss sich umorientieren. "Plottwists" mag der Film zwar auch, die sind aber tatsächlich nur Nebensache. Stattdessen dominieren zunächst viele angeschnittene Diskurse - Terrorismus und seine Argumentationslogik, Xenophobie, die Möglichkeit von Ver- und Misstrauen in der aktuellen Gesellschaft, Identitätsfindung bei gleichzeitiger Trauerverarbeitung. Alles bekommt seinen Spielraum, am Ende interessieren jedoch allein die Figuren. Wer hier welche Rolle hatte - das auch, aber weniger als etwa wer hier welche Gefühlsachterbahnen durchmachen musste. Ein schöner Film, der Lust auf mehr vom Egoyan macht, die glücklicherweise demnächst im Metropolis-Kino befriedigt werden darf. (oder auch nicht, wie ich gerade lese, da sich die Werkschau auf 3 Tage während des Fests beschränken)

Aus Belgien dann zum Abschluss des Tages 2 ein verknappter, entschlackter Michael Haneke: Happy Together von Geoffrey Enthoven erzählt von einer einer Bürgerlichkeit, die beim ersten Anzeichen von Misserfolg zusammenbricht. Das ist nicht besonders originell und durchaus plakativ, aber sowas sieht man allemal lieber als Steppenfilme über Bergbauern aus Kasachstan.

Mittwoch, 3. September 2008

Slam

Marc Levin, USA 1998

Die größte Leistung von SLAM ist vielleicht das Desavouieren des Ghetto-Klischees, wie es "Rap-Filme" im Mainstream nur allzu gerne annehmen und weiterspinnen. Ray Joshua wird gespielt von Saul Williams, einem schmächtigen intellektuellen Youngster ohne Muskeln und Tattooes, dafür mit Grips und lyrischem Talent gesegnet. Der ultrarealistische Film kann nur so funktionieren, mit echten Figuren und echten Emotionen.

Ray Joshua kommt unschuldig in den Knast (soviel Erzählkino muss sein) um sich dann erstmal ein kleines, freundschaftliches Rapbattle mit Momolu Stewart zu liefern. 5 Minuten freestylen die beiden drauf los, während Wand und Töpfe als Beatmaker herhalten dürfen. SLAM versinkt gerne in solchen Momenten und hat dazu alle Zeit der Welt, denn der Film, der den großen Jurypreis in Sundance 1998 gewann, ist selbst ein Freestyle. Ein anderer Moment, in dem er sich ganz im Geschehen verliert ist der starke Augenblick als Ray Joshua sich mit Lauren (Sonja Sohn) - der Knastsozialarbeiterin mit Hang für sensible Typen - im Park streitet. Selten eine so intensiv gespielte Szene gesehen. Der Fahrradfahrer, der zwischen den beiden durchfährt wirkt nicht wie bestellt. Alles bleibt sich hier selbst überlassen.

Es ist also weniger die allseits bekannte Geschichte, die im Kopf bleibt als vielmehr einzelne herausstechende Momente, die den Film definieren. Dass er 10 Jahre nach seiner Entstehung so in Vergessenheit geraten ist und anderen Stylefabrikaten aus der aktuellen Mainstreamkultur weichen musste, ist traurig. Zeit, sich zu erinnern. Wenngleich dies leider viel zu früh geschehen muss.

Schläfer

Benjamin Heisenberg, Deutschland 2005
Das Feuilleton überschlug sich geradezu mit Lobpreisungen des achso leisen Films, der ja so gar nicht seinem Genre (Psychothriller, Untersorte: Intrige) entsprach, sondern einen persönlichen Konflikt angesichts einer angespannten, politischen Situation im Hintergrundrauschen bebilderte. Ein deutscher Durchschnitt (Bastian Trost) wird dabei vom Geheimdienst auf einen algerischen Mitarbeiter (Mehdi Nebbou) angesetzt. Obwohl sich der "integere" Typ sich zunächst weigert sorgen aufkommender Neid und eine komplizierte Dreieckskonstellation mit einer Frau für ein Umdenken.

Heisenberg filmt seine Figuren in langen, kühlen Einstellungen in langen, kahlen Gebäuden. Der depressive Grundton dominiert den gesamten Film und verleiht ihm schnell die gewünschte Atmosphäre zwischen "Besonderem" und "Realismus". Ob dabei gerade die verstockten Darsteller ihr Zutun bewusst oder unfreiwillig ins Werk bringen, ist nicht ganz zu orten. Der Witz allein bleibt, wie hier das Politische mit dem Privaten verbunden wird. Denn eigentlich erzählt SCHLÄFER lediglich die Geschichte einer privaten, kleinen Intrige auf dem Rücken eines bedrückenden Politszenarios. Dass dabei zwischen 9/11-Sicherheits-Hysterie und DDR-Vergangenheit der Knopf beim Rezipienten schnell umgeschaltet werden kann ist mitnichten ein Beweis der Vielseitigkeit des Films, der in seiner Überkonstruktion schnell Gefahr läuft in sich zusammenzubrechen. Das eigentliche Thema - Sicherheitsbedürftigkeit vs Datenschutz - findet nicht Erwähnung, und so ergeht sich SCHLÄFER letztlich nur in der Darstellung einer rauen, unwohnlichen Welt. Dafür hätte es nicht dieses Aufhängers bedurft.

Donnerstag, 14. August 2008

Wanted

Timur Bekmambetov, USA 2008

Nachdem Timur Bekmambetov mit WÄCHTER DES TAGES und WÄCHTER DER NACHT zwei optisch reizvolle, wenngleich vollkommen desorientierte Literaturverfilmungen vorlegte dachte man sich in Hollywood anscheinend, der Mann könnte mit einem geordneten Drehbuch zumindest als Techniker den Studios zuträglich sein. Vor ein paar Jahren wäre man nicht auf die Idee gekommen, da einen Russen ranzulassen. Mit WANTED liegt nun sein astrein als Sommeractioner promoteter Erstling vor.

Das Schöne an dem Film ist - neben seiner unverhohlenen Bilderausstellung - das Reflektieren seiner Entstehungsepoche, und das - ebenfalls ganz ungebrochen - auf inhaltlicher Ebene. Die schon beinahe arrogant wirkende Geheimorganisation, die ihre Aufträge "von oben" erhält, um die Ordnung auf der Welt im Gleichgewicht zu halten, stellt sich zunächst unhinterfragt als "perfekt" heraus. Für jeden was dabei, vom Intellektuellen bis zum den Handwerker (Weber), vom Voyeur (Jolie) bis zum religiösen Moralisten (siehe "von oben").

Dann kommt der Plottwist, der in diesem Fall ein gelungen motivierter ist. Nix da mit der Perfektion. Gibt's natürlich nicht. Stattdessen Assimilation an die neuen Umstände. Es wird zum eigenen Vorteil gemordet, zur Sicherung der eigenen Existenz. Im Kapitalismus muss halt jeder selber sehen wo er bleibt. Am Ende bricht sich alles auf die einfache Formel des Egoismus herunter. Die Underground-Organisation mit guten Absichten ist zur berechnenden Firma für Auftragskiller geworden.

Nun, zugegeben, besonders neu ist das dann doch nicht mehr, aber klug genug, um die Rädchen des Blockbusterkinos nicht doch ein wenig zu strangulieren. WANTED ist damit glücklicherweise doch ein wenig mehr als nur ein grobschlächtiger Sommeractioner.

Mittwoch, 13. August 2008

Palindromes & You and Me and Everyone We Know

Todd Solondz, USA 2004 / Miranda July, USA 2005

Wo es das postmoderne Independentkino aus Amerika in den letzten Jahren hinverschlagen hat ist anmerkenswert. Die neuen Welten von Anderson, Russell und co setzen sich zusammen aus seltsamen Stimmungen, grotesk-tragischen Situationen, skurril-neurotischen Figuren und narrativen Tricksereien, die meist weniger selbstzweckhaft sind als die Plotpointen des Hollywoodkinos. Diese filmischen Verwirrspiele vermögen es besser als jeder Genrefilm einen Zeitgeist nachzuzeichnen, den es sich lohnt aus der bunten Gemüsesuppe herauszulesen.

Zwei der vielleicht kennzeichnendsten Vertreter aus dieser New Whimsy-Welle sind Todd Solondz PALINDROMES und Miranda Julys YOU AND ME AND EVERYONE WE KNOW. Solondz Film greift zunächst ein bedeutsames Phänomen auf: Im ersten Drittel skizziert er die Leidensgeschichte des adoleszenten Unbehagens, der sensiblen und häufig verqueren Identitätsfindung. Acht verschiedene Figuren spielen ein Mädchen, dass sich aus einem Mix aus Neugier und Langeweile schwängern lässt - eine bezeichnende Szene der Unsicherheit. Alle acht Figuren unterscheiden sich in etlichen Aspekten voneinander (Körperfülle, Hautfarbe), jedoch nur geringfügig im Alter. Das Teen flüchtet und stürzt in eine Situation, von der an PALINDROMES seltsam umkippt in einen überdrehten Abgesang an eine fundamentalistische christliche Rechte und praktisch einen neuen Film anfängt. Am Ende dreht sich alles zurück auf die Vorstadthölle aus der das Mädchen gekommen ist, und die tragische Figur der Geschichte - der intellektuelle Schwarzseher - ergreift als Ausgestoßener das Wort und klärt im pessimistischen Schlussmonolog auf.

Miranda July hingegen entwirft keinerlei Konzeptwerk, sondern intuitives Fragmentkino. Im auf der DVD angehängten Interview mit ihr wird schnell klar mit welch künstlerischer Exaltiertheit man es bei der Stichwortgeberin zu tun hat. So ungeordnet und verquer ihre Gedankenwelt ausformuliert ist, so stellt sie sich auch in YOU AND ME AND EVERYONE WE KNOW dar. Keine Kurzgeschichte wird ohne Tabu versehen, keine Figur ohne Affektiertheit, keine Entwicklung ohne skurriles Gimmick. Wird bei PALINDROMES vor allem eine Ziellosigkeit und eine Gefangenheit in einer ungeordneten Welt thematisiert, gibt July auf formaler Ebene Auskunft über ihre Gefühlswelten, die sich im modernen amerikanischen Independentkino des Häufigeren finden lassen. Ihr bizarres Universum der Stichwörter, in dem man schnell - Hoppla! - die Hand vor den Mund nehmen darf, wirkt wie ein Prototyp eines Himmelskörpers, der in einer Galaxie aus Andersons und Braffs eine Richtung anzeigt, deren genaue Koordinaten erst noch gefunden werden müssen.

Mittwoch, 23. Juli 2008

The Art of Negative Thinking

Bård Breien, Norwegen 2006
Die skandinavische Satire ist im Allgemeinen meist zu verspielt, zu sehr aufs Skurrile schielend und übermotiviert. Bård Breien nun macht in seiner Abhandlung über einen "humanen Zynismus" weitgehend alles richtig, was die Kollegen nur allzu gerne falsch machten. DIE KUNST DES NEGATIVEN DENKENS ist zunächst einmal nicht sonderlich "humorig" oder "witzig" - der Film weiß um sein Thema, weiß um das Ausmaß der Tragik und macht dies zum Ausgangspunkt.

Wieviel schwarzer Humor ist zulässig? Die Antwort: Eine Grenze kann es nicht geben. Die überhöhten Einzelschicksale der dargestellten Gruppe (Körperlähmungen und Depressionen) lassen einen gepflegten, gesellschaftlichen Umgang nicht mehr zu. Es entsteht sogar eine kurze Anti-Bewegung gegen das perfekte Ideal, dass im System bei der gestylten Werbekampagne genauso zum Ausdruck kommt wie im New-Age-Positive-Thinking-Wahnsinn. Leben ist Krieg - unser Protagonist schaut den ganzen Tag Kriegsklassiker von APOCALYPSE NOW bis THE DEER HUNTER - ein Urzustand des Krieges, der Wahnsinn, überträgt sich beim "nicht mehr fassen können" des eigenen Lebenszustandes. Die zerstörte Wohnung und der Alkoholexzess zeugen von der Übermacht, die einen Menschen ergreifen kann - so stark oder labil er sein mag.

Am Ende knickt der Film in seiner eigenen Courage ein. Keine Selbstmorde, keine Toten, sondern die Liebe steht im Endbild. Das wirkt nach 75 konsequenten Minuten wie ein Dramaturgiezwang und lässt den Film dennoch nicht in einem allzu schlechten Licht erscheinen. Breiens Abrechnung mit dem Menschen, der denkt, er könne alles bewältigen hat zu diesem Zeitpunkt schon längst gewonnen.

Dienstag, 22. Juli 2008

The X-Files: I Want to Believe

Chris Carter, USA 2008
Im Spannungsfeld der gewohnten Akte X Mystery greift der zweite Langfilm wieder das Grundmotiv der Triebfedern des Dualismus Glaube/Wissen, Übernatürliches/Wissenschaft auf. Trotzdem gehen die X-Files diesmal nicht über einen Hellseher hinaus. Keine Aliens mehr, keine Monster, auch keine Verschwörung. Stattdessen mehr Fokus auf das Paar Mulder/Scully und eine fast harmlos konventionelle Krimigeschichte. Ansehnlich, aber bei Weitem kein großer Wurf.

Dienstag, 15. Juli 2008

The Dead Girl

Karen Moncrieff, USA 2006
Der angenehme, leise Charakter des Films, und seine Intention ein "menschliches Porträt" einer aus Klischees und Vorurteilen geschusterten Toten zeichnen zu wollen lassen ihm trotz der offensichtlichen Längen, die er mit sich bringt durchaus Respekt zuteil werden. 5 Episoden um 6 starke Frauen, die mit dem Tod der Prostituierten (Brittany Murphy) mittel- oder unmittelbar zu tun hatten verleihen The Dead Girl eine Struktur, die sich vielleicht am Besten mit "feminitischer Kurzfilmkompilation" beschreiben lässt. Das zurückhaltende Sozialethos, welches der Film dabei stets transportiert lässt ihn übergreifend funktionieren. Er endet im Angesicht des schockierenden Moment, ganz still und starr. Sein Clou dabei: Es gibt keinen Plottwist. Nur die Stille und Antizipation des Zuschauers...

Montag, 14. Juli 2008

Manufacturing Dissent

Rick Caine/Debby Melnyk, Kanada 2007
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Die Dokumentation, die einzig und allein zur Diffamierung Michael Moores entstanden ist entpuppt sich als Lächerlichkeit und Frechheit gleichermaßen. Nicht unbedingt, weil Moore attackiert wird (das geschieht schließlich nicht grundlos und hat grundlegend seine Berechtigung), sondern weil das Publikum mit Halbgarem und längst Bekannten 90 Minuten hingehalten wird eine angeblich investigative Reportage zu sehen zu bekommen.

Dabei machen Rick Caine und Debbie Melnyk schlichtweg den gleichen Fehler, den sie Moore vorwerfen. Aus Eitelkeiten und persönlicher Kränkung entsteht diese Doku, die angeblich einmal aus dem Filmemacher positiv gesonnenen Gründen ins Leben gerufen wurde. Moore stand dem anscheinend skeptisch gegenüber und kapselte sich ab. Das ist nun so schrecklich, dass Caine und Melnyk ihm seitdem permanent hinterherlaufen und "Freiheitseinschränkung" schreien. Dabei stellen sie selbst ein Filmfestival aus dem konservativen Lager vor, dass Anti-Moore-Filme dreht. Der Mann hat allen Grund jeder Kamera skeptisch gegenüberzustehen.

Aprospos konservative Stimmen: Mit denen weiß die Doku nicht umzugehen. Sammelt sie doch nur allzu gerne Argumente gegen Moore, gerät die eine oder andere Person hier aber zur Lachnummer. Als linke Filmemacher, als die sich Caine und Melnyk hier proklamieren, geht der Schuss gegen Moore nur allzu häufig nach hinten los. Sie stürzen sich wie Wölfe auf einzelne Details, die Moore verdreht hätte (wahrlich nichts Neues, er räumt es ja selber auch ein), sehen hinter ihm einen "bösen Menschen" und bekräftigen dies mit irgendwelchen, beliebig gewählten Stimmen, die ihn eben so sehen. Nichts davon überzeugend, alles ziemlich blindlinks zusammengetragen. In den "Deleted Scenes" entdeckt man dann auch Montagen, in denen er als Kind bei den Pfadfindern Süßigkeiten versteckt habe und aus denen der gemeine Zuschauer anscheinend schlussfolgern sollte: Siehste mal an, der Moore ist ein ganz linker Hund!

Auch wenn solch Schwachsinn am Ende der Schere zum Opfer fiel, ist sie doch aussagekräftig genug für die Ambitionen der gesamten Films. Die Doku dient zu nichts Anderem als der Diffamierung der Figur Moore, was spätestens ein der DVD angefügtes Interview mit verschiedenen Personen aufzeigt, in welchem Moore ohne Argumentation komplett verhöhnt und beleidigt wird. Bei der Masse an Anti-Moore-Propaganda kann man da schnell auf Ideen kommen und tatsächlich ragt diese Doku nur dadurch heraus, das sie vorgibt aus linker Perspektive entstanden zu sein. Ihr kommerzieller Erfolgszug und die ihnen zuteil gewordene Aufmerksamkeit zeigt nur ein Symptom auf, das unlängst bei Moore offen liegt - und auch in MANUFACTURING DISSENT wie ein investigativ recherchierter Fakt zutage getragen wird.

Sonntag, 13. Juli 2008

Rendition

Machtlos
Gavin Hood, USA/Südafrika 2007
Vielleicht kann Hollywood stolz sein auf einen Film wie diesen. Der sich bemüht, versucht ausgeglichen Positionen abzuwägen, der sein Affektkino zielgerichtet steuert und seinen narrativen Trick eben für den maximalen Effekt im Affekt ausnützt. Der Themenkomplex der Dekade - Terrorismus, Guantanamo, Freiheit, Rechtsstaat, Folter - gießt der Film in eine Form um darüber zu debattieren. Nun ja, eine Debatte ist das Ganze bei dem hohen emotionalen Anteil dann vielleicht doch nicht, zudem Rendition dann doch zu eindeutig Position bezieht. Doch gerade die Thematisierung ohne in allzu einfache Muster abzurutschen verdient die Aufmerksamkeit. Teufelskreise des Hasses und die vollkommene Entmenschlichung in diesem Machtsystem sind Erkenntnisse, die durch Gyllenhaals Wandlung zu einem vermeintlichen Halb Happy End abgeschwächt werden, das flaue Gefühl, welches der Film dem Betrachter in den Bauch setzte bekommt er aber dadurch glücklicherweise auch nicht mehr los.

Psycho III

Anthony Perkins, USA 1986
Noch tiefer in den 80ern und noch ein Sequel später sieht "Mutter" inzwischen aus wie Michael Myers. Carter Burwell "scored" währenddessen hochkarätig, 20 Jahre später sollte das Hauptthema von DJ Shadow zum popkulturellen Zitat für die Ewigkeit verarbeitet werden. Bates bekommt unterdessen einen locker-männlichen Sidekick (Jeff Fahey) an die Hand geliefert, während er endlich einmal knutschen darf. Selbstredend eine Nonne, anders geht auch nicht. Schade nur, dass dem Drehbuch zu wenig Aufmerksamkeit entgegen gebracht wurde. Psycho III bleibt ein netter Slasher und kann sich als dritter Aufguss immer noch blicken lassen.

Psycho II

Richard Franklin, USA 1982
Einen interessanten Abgleich zweier hoch unterschiedlicher Jahrzehnte bieten die beiden Sequels von Hitchcocks Großtat. Tief in den 80ern verwurzelt entwickelt Psycho II das Konzept der Hauptfigur weiter und stellt eine "Psychologisierung" des zwischen sensiblen Muttersöhnchen und voyeuristischen Perversen, zwischen Über-Ich und Es gefangenen Protagonisten in den Mittelpunkt. Eine klare Beziehungskonstellation, die Kamera immer bei Norman Bates und im Haus, alles ist diesmal wesentlich übersichtlicher, damit aber auch leidlich spannend und Angst einflößend. Die wilde Twisterei, die sich der Film am Ende erlaubt geht in Ordnung und wehrt sich offensiv dagegen, dass dem Zuschauer die Geschichte ja schon vollkommen bekannt war/ist. Bleibt der Reihe in dem Sinne treu, dass Psycho weiterhin für höchst ungewöhnlichen Horror steht.

Samstag, 12. Juli 2008

Throne of Blood

Das Schloss im Spinnwebwald
Akira Kurosawa, Japan 1957
Shakespeares allgegenwärtige Geschichte um Machtgier und Schicksalsvorherbestimmung auf japanisch. Kurosawa bearbeitet "Macbeth" größtenteils originalgetreu und verändert nur den Schluss zugunsten einer verdichteten und komprimierten Filmfassung. Dabei verdeutlicht er den misogynen Unterton durch den bösen Einfluss des intriganten Weibes, welcher nicht wie in der Vorlage durch Wahnsinn und Selbstmord gesühnt wird - ebenso wie die mysthische Komponente, in dem er die Samurai in ein vernebeltes, weltentrücktes, schimärisches Wäldchen schickt, in welchem sie sich und ihre Menschlichkeit verlieren. Toshirô Mifune spielt wahnsinnig, Kurosawa bleibt hier aber in den Grenzen der Literaturverfilmung.

Freitag, 11. Juli 2008

Sasori: Jailhouse 41

Shunya Ito, Japan 1972
Weitaus kurzweiliger, optisch ansprechender und surrealistisch experimentierfreudiger als der im Jahr darauf folgende Den of the Beast. Ein Road-Revenge-Movie mit stummer Westernheldin, kompromisslos, antiautoritär, feministisch, gewalttätig. Kurz: Wie man es sich wünscht.

Spanking the Monkey

David O. Russell, USA 1994
...oder Frank, der Hund, der beim Masturbieren zuschaut. Russells Debut zeigt sich von einer ehrlicheren Seite als seine späteren Werke aus dem New Whimsy Umfeld. Die Adoleszenzbeobachtung mutiert zum Film über Tabu, Inzest, moderner Ödipuserzählung und das damit einhergehende Blockieren der Identitätsfindung eines Jugendlichen. Die emotionale Annäherung zur Sommerliebschaft bleibt kühl, statt dessen entwickelt sich das Unerwartete. Ein Film über die Schwierigkeit von Intimität, moralisch Verbotenes, leider weiß er selber das nicht immer so ganz genau. Verstörend, wenngleich seltsam dahinplätschernd.

Donnerstag, 10. Juli 2008

Laura

Otto Preminger, USA 1944
Der frühe Noir ziert sich noch ein wenig, da das Genre sich selbst erst noch entdecken muss. Zu sehr harmloser Krimi, wenngleich grundmotivisch bereits alles schon da ist. Preminger wird es später besser machen und überhaupt muss man Laura eher als historisch interessanten Vorläufer zum Genreauftakt sehen.

Mittwoch, 9. Juli 2008

The General

Buster Keaton, USA 1926
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Der Fusion-Kino-Hangar gut gefühlt. Die Leute bereit für einen Trip welcher Art auch immer. Die meisten schlafen gewohnheitsgemäß ein. Die Sitzgelegenheiten eher so mittelprächtig bis durchgenudelt. Zeit für den General von olle Keaton. Der Zug startet verspätet, die Jazz-Combo die ihn musikalisch begleitet lässt die ersten feinen Töne erklingeln. Melancholie möchte in den Raum dringen, allein der Film gibt es nicht allzu häufig her. Dann Rasantes, Mimisches, Komödiantisches, aber in erster Linie doch sehr spektakelhaft Fiebriges.

The General misst den Filmraum aus, macht statt leerer Versprechen ein ziemliches Getöse, das in seiner wilden Akrobatik zum Staunen einlädt. Es ist ein sehr naives, unbelastetes Kino, das in den Kinderschuhen (wohlgemerkt hoch durchprofessionalisiert) seine Möglichkeiten auslotet. Und als Spektakel hat man da viele.

Anti-Held und Tollpatsch, eine begehrenswerte Frau, böse Südstaatler, eine Lok, eine Verfolgungsjagd mit allerlei Raffinessen. The General ist simpelstes Unterhaltungskino, welches noch heute weit besser funktioniert als der Großteil der Nachkommenschaft.

Bitter aufstoßen möchte in solch einem Puppentheater für Erwachsene jedoch dann auch das reaktionäre und leider verherrlichende Bild vom Krieg und dem Militär. Das Bestreben und Begehren zur Befriedigung des eigenen Egos wie auch zum Erhalt des Weibes lautet: Ein anständiger Soldat werden! Keaton schafft es am Ende gar zum General und ist stolz und überglücklich, Frau ist damit auch im Sack, der Krieg war schon vorher zum weiteren "Spektakel" herunter dividiert worden. Die Moral von der Geschicht' erhellt den sonst so kreativen Input des Werkes leider nicht und so bleibt beim Applaus auch ein wenig Stirnrunzeln zurück.

Dienstag, 8. Juli 2008

Match Point

Woody Allen, USA/UK 2005
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bei der Zweitsichtung überzeugender, wenngleich auch weiterhin überkonstruiert und ultrakühl. Spiel um Schuld und Sühne, die im Zeitalter des Kapitalismus zum leeren, toten Blick des Protagonisten und der gesamten Upper Class führt. Johansson gerät vom verführerischen Objekt eben nicht zur Noir femme fatale, sondern zum Opfer, dass hysterisch und verzweifelt untergeht. Beide Proletarier können sich ihrer animalischen Triebe nicht erwehren und müssen sich ihnen zunächst ausgeliefert hingeben. Am Ende bleibt der Sozialdarwinismus aber Sieger. Atmosphärisch Nahe an der Figurengestaltung eines AMERICAN PSYCHO, am Ende zwar nicht so überhöht und brachial, aber doch ebenso böse und verzweifelt. Vielleicht Allens erster richtiger Klassiker.

Freedom Writers

Richard LaGravenese, USA 2007
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Hochtrabend idealistisch mit dem Glauben ans Gute im Menschen auf der Zunge. Glattpoliert und haarsträubend auf Einzelteile und Vereinfachung achtend, dass man es ihm fast nicht mehr abnehmen will. Moralisch einwandfrei, was nie nur gut ist. Trotzdem in Einzelmomenten eines Solidarisierungsidealismus fast ergreifend. Schwacher Score, allerdings schönes musikalisches Zeitkolorit von außen dank gelungener Musikauswahl mit Gang Starr und co. Schwierige Verbindung von Holocaust und Ghettolife, die aber nur zum erzwungenen, überdimensionalen Moralismus beiträgt.