In Sachen Geschichtsaufarbeitung im heimischen Film tat sich die deutsche Filmlandschaft schon immer schwer. Nazifilme sind das Eine, Umgang in der Darstellung der RAF das Andere. Bis heute hat es nur der Petzold geschafft, adäquate Bilder zu finden, Schattenwelt nun wurde im Vorfeld hochgejubelt als der "kleine Film" der den großen Eichinger-Komplex ästhetisch in den Schatten stellt. Das kann man einfach mal glatten Humbug nennen. Connie Walters Film ist furchtbar steriles Kino des herrschenden blaugrauen Filters, ein Unterfangen voller behäbig gespielter Drehbuchphrasen. Die Behauptung alle seien Opfer und drehen gemeinsam kräftig durch bestimmt das bedeutungsschwere Szenario. Eigentlich wirkt der Film über die größte Strecke wie eine Folge Sonntags-Tatort, abgehacktes, blutarmes Einerlei - als ob nicht viel mehr drin gewesen wäre. War es vielleicht auch nicht. Wieder nur ein Armutszeugnis für den deutschen Film, gerade auch weil in solch einem bis zur Atemnot zugeschnürten Filmraum der große Wurf der kleinen, unabhängigen Kinos entdeckt wird.
Deutschland, dein Kindergarten. Wie ekelhaft deutsches Mainstreamkino sein darf zeigt eindrucksvoll Dennis Gansels Verfilmung von der pädagogisch wertvollen 6-klässler Pflichtleseübung Die Welle. Im Dickicht eines stereotypen Geraunes, einer Phrasendrescherei, die schon Fremdscham auslöst und einer so trivialen wie den Zuschauer zum Idioten degradierenden Affekterzeugung zeitigt das Constatin-(Abfall)-Produkt ein TV-Niveau in gelackten Bildern, dass einem speiübel werden kann. So schlecht kann der Roman damals doch kaum gewesen sein, wie er hier umgesetzt wird. Wie der Film schwelgt in der faschistoiden Ästhetik (interessanterweise in der Form der Popkultur), sich auch als Jugendfilm und Generationsabbild der billigsten Sorte versucht, wie er seine vermeintliche Coolness jederzeit aufs Neue behauptet ist schon höchst dreist. Und, auch weiterhin gilt: Knüppel deutsche Geschichte und deren Ausläufer auf die Zuschauer ein, und alles verhält sich ruhig.
Klarer Fall: Andreas Dresen ist immer dann gut, wenn er frei mit seinen Schauspielern umgehen kann, wenn es wenig strukturierte Drehbuchvorgaben gibt, wenn ihm die Möglichkeit gegeben wird einen deutschen Neorealismus mit mentalem Ost-Einschlag heraus zu kitzeln. In Whiskey mit Wodka - seinem bis dato schlechtesten Film - wird dies besonders deutlich. Zwar ist mit Wolfgang Kohlhaase der Schreiberling des einzig gelungenen Gegenbeispiels Sommer vorm Balkon an Bord, doch helfen tut es dieses Mal nicht. Statt dem gewohnt tiefen Einsteigen in die Persönlichkeitsstrukturen seiner Figuren bei gleichzeitiger Wahrung eines herzlichen, aber nie anbiedernden Humors, gibt es hier ziemlich herkömmlichen, deutschen Komödienflair. Mit Henry Hübchen als alternden Abwrack-Star sogar einen gediegenen Altherrengestus, wobei Hübchen den in seinem gekränkten Narzismus stecken bleibenden verloschenen Stern angebracht zu verkörpern weiß. Dresen hingegen bedient auch ein Klischee des Autorenfilmers, nämlich mindestens einen Film über das Filmemachen drehen zu müssen. Dass der Realitätssinn dann nun ausgerechnet bei diesem Werk so sehr auf der Strecke bleibt, spricht wohl für sich.
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Dienstag, 14. Juli 2009
Dienstag, 10. Juni 2008
Wolke 9
Andreas Dresen, Deutschland 2008
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Andreas Dresen ist in letzter Zeit nicht mehr so unumstritten, wie er es vielleicht noch war, als er mit HALBE TREPPE 2002 einen frischen, jungen und unabhängigen Stil in die festgefahrene deutsche Filmlandschaft brachte. Inzwischen hat sich dieser "Berliner Schnauze Stil" schon fast eingebürgert (etwa in Bernd Böhlichs DU BIST NICHT ALLEIN vom letzten Jahr), und auch in den Interviews in Cannes 2008, zu welchem WOLKE 9 in der Nebensektion Un Certain Regard eingeladen war, stellte sich Dresen als Nörgler, Antielitarist und bewusst Ostdeutscher dar.
Das ist alles eigentlich gar nicht so schlimm, und doch löst es ein gewisses Unbehagen aus, war und bin ich doch jemand, der Dresens Filme immer wieder verteidigen musste. Waren seine letzten Werke jedoch auch stets von einer legeren Heiterkeit geprägt, ändert Dresen den Modus bei WOLKE 9 entscheidend und inszeniert erstmals eine reine Tragödie.
Die wohlmeinenden Worte des Feuilletons hat er nun damit, dass er ein offensichtliches Tabuthema anbricht. Sex im Rentenalter, überhaupt das Motiv der entschwindenden Liebe, die sich mit 70 noch einmal neu gesucht wird. Im Extremfall hat der Spießbürger früher gesagt, dass "eine Ehe bis dass der Tod euch scheide" gehen müsse. An ein Auseinanderbrechen von Ehen im hohen Alter ist selbst heute nicht zu denken, die moral-gesellschaftlichen Grundstrukturen der ältesten Generation geben das noch nicht her.
Inge (Ursula Werner) verliebt sich nach 30 Jahren Ehe mit Karl (Horst Westphal) in den Rentner Werner (Horst Rehberg). Noch funktionierende Beziehungsstrukturen brechen zusammen beim Geständnis der Frau. Sie entscheidet sich für "ihre Träume, Sehnsüchte und Wünsche" wie sie argumentiert und verlässt Karl.
Die Entscheidung des Films seine Figuren mit niedrigem Intellekt zu versehen, wirkt zunächst denunziatorisch. Wir lachen viel über die Charaktere, etwa wenn Karl zur Beruhigung eine Schallplatte mit Dampflokgeräuschen auflegt oder wenn Inge im Chor süffisante Folklore singt. Das alles kennt man von Dresen, die ironische Bebilderung eines Alltags, die fast ins Groteske abgleitet. Deutsche Tugenden, die noch niemand so gut präsentieren konnte wie es Dresen seit jeher tut.
Das Erstaunliche ist nun, dass die Figurenempathie dadurch trotzdem nicht leidet. Im Gegenteil vermittelt sich über die klare Sprache und Emotionslage eine Kommunikations- und Wortlosigkeit, welche die Situation für den Zuschauer greifbarer werden lässt. Waren HALBE TREPPE und SOMMER VORM BALKON Filme, deren Themen überwiegend humorvoll ausgehandelt wurden, so verschiebt dich bei WOLKE 9 der größere Anteil in die Dramatik. Der langsame Niedergang des alten Ehepaares, die offensichtlichen Lebenslügen bei gleichzeitigem, liebevollem Arrangement im Eheverband, die Aufdeckung von Mechanismen, sowohl in der Vergangenheit als auch in der Gegenwart, das alles erschüttert den Zuschauer ungemein.
Am Ende wird Dresen unverhohlen moralisch. Er kann kaum anders, weil die Dramaturgie sonst nicht geschlossen wäre, der Film an sich verlangt es so. Inge wählt den Weg des Egoismus, verdrängt die eigene Verantwortung für einen anderen Menschen und lässt ihren Mann am Ende zurück. Dafür wird sie bitter büßen und sich in die Schuld begeben müssen. Wer einen Zeigefinger dahinter vermutet, liegt sicherlich richtig, die korrekte Entscheidung Dresens war es dennoch - hier wird der Zuschauer der Erschütterung tatsächlich nicht mehr Herr.
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Andreas Dresen ist in letzter Zeit nicht mehr so unumstritten, wie er es vielleicht noch war, als er mit HALBE TREPPE 2002 einen frischen, jungen und unabhängigen Stil in die festgefahrene deutsche Filmlandschaft brachte. Inzwischen hat sich dieser "Berliner Schnauze Stil" schon fast eingebürgert (etwa in Bernd Böhlichs DU BIST NICHT ALLEIN vom letzten Jahr), und auch in den Interviews in Cannes 2008, zu welchem WOLKE 9 in der Nebensektion Un Certain Regard eingeladen war, stellte sich Dresen als Nörgler, Antielitarist und bewusst Ostdeutscher dar. Das ist alles eigentlich gar nicht so schlimm, und doch löst es ein gewisses Unbehagen aus, war und bin ich doch jemand, der Dresens Filme immer wieder verteidigen musste. Waren seine letzten Werke jedoch auch stets von einer legeren Heiterkeit geprägt, ändert Dresen den Modus bei WOLKE 9 entscheidend und inszeniert erstmals eine reine Tragödie.
Die wohlmeinenden Worte des Feuilletons hat er nun damit, dass er ein offensichtliches Tabuthema anbricht. Sex im Rentenalter, überhaupt das Motiv der entschwindenden Liebe, die sich mit 70 noch einmal neu gesucht wird. Im Extremfall hat der Spießbürger früher gesagt, dass "eine Ehe bis dass der Tod euch scheide" gehen müsse. An ein Auseinanderbrechen von Ehen im hohen Alter ist selbst heute nicht zu denken, die moral-gesellschaftlichen Grundstrukturen der ältesten Generation geben das noch nicht her.
Inge (Ursula Werner) verliebt sich nach 30 Jahren Ehe mit Karl (Horst Westphal) in den Rentner Werner (Horst Rehberg). Noch funktionierende Beziehungsstrukturen brechen zusammen beim Geständnis der Frau. Sie entscheidet sich für "ihre Träume, Sehnsüchte und Wünsche" wie sie argumentiert und verlässt Karl.
Die Entscheidung des Films seine Figuren mit niedrigem Intellekt zu versehen, wirkt zunächst denunziatorisch. Wir lachen viel über die Charaktere, etwa wenn Karl zur Beruhigung eine Schallplatte mit Dampflokgeräuschen auflegt oder wenn Inge im Chor süffisante Folklore singt. Das alles kennt man von Dresen, die ironische Bebilderung eines Alltags, die fast ins Groteske abgleitet. Deutsche Tugenden, die noch niemand so gut präsentieren konnte wie es Dresen seit jeher tut.
Das Erstaunliche ist nun, dass die Figurenempathie dadurch trotzdem nicht leidet. Im Gegenteil vermittelt sich über die klare Sprache und Emotionslage eine Kommunikations- und Wortlosigkeit, welche die Situation für den Zuschauer greifbarer werden lässt. Waren HALBE TREPPE und SOMMER VORM BALKON Filme, deren Themen überwiegend humorvoll ausgehandelt wurden, so verschiebt dich bei WOLKE 9 der größere Anteil in die Dramatik. Der langsame Niedergang des alten Ehepaares, die offensichtlichen Lebenslügen bei gleichzeitigem, liebevollem Arrangement im Eheverband, die Aufdeckung von Mechanismen, sowohl in der Vergangenheit als auch in der Gegenwart, das alles erschüttert den Zuschauer ungemein.
Am Ende wird Dresen unverhohlen moralisch. Er kann kaum anders, weil die Dramaturgie sonst nicht geschlossen wäre, der Film an sich verlangt es so. Inge wählt den Weg des Egoismus, verdrängt die eigene Verantwortung für einen anderen Menschen und lässt ihren Mann am Ende zurück. Dafür wird sie bitter büßen und sich in die Schuld begeben müssen. Wer einen Zeigefinger dahinter vermutet, liegt sicherlich richtig, die korrekte Entscheidung Dresens war es dennoch - hier wird der Zuschauer der Erschütterung tatsächlich nicht mehr Herr.
Dienstag, 27. Mai 2008
Auge in Auge - Eine deutsche Filmgeschichte
Michael Althen & Hans Helmut Prinzler, Deutschland 2008
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Will man über deutsche Filmgeschichte reden, stellen sich zunächst einmal ein paar Probleme. Schließlich soll so eine Doku ja doch einen möglichst positiven Impetus besitzen. Was macht man also angesichts der Nazipropaganda, der seichten Nachkriegsfilme, des heutigen qualitativen Vakuums, welches die Filmlandschaft einnimmt.
Klar, thematisieren immer (außer das mit dem Vakuum, das wird natürlich totgeschwiegen), ergibt immerhin eine schöne Dramaturgie. Und dann haben wir da ja noch die Anfangsjahre des Kinos (immerhin sind ja auch WIR die Erfinder des Kinos, die Lumieres wussten nur mehr damit anzufangen), in denen Deutschland immerhin glänzen konnte. Michael Althens und Hans Helmut Prinzlers Schnippsel-Collage wird nach Themen (mit guten Ideen, z.B. Frauenblicke und schlechten Stichwörtern, wie Raucher) und nach Personen geordnet. Die Personen sind aktuelle deutsche Filmemacher, die ihren Lieblingsfilm jeweils in einem anderen, renommierten Arthouse-Kino vorstellen.
Hier ergibt sich dann ein zweites Gefälle, das problematisch wird. Stellt man neben gemachte und reflektierte Filmemacher wie Christian Petzold und Dominik Graf etwa eine Doris Dörrie, die von ihrem Trip nach New York erzählt und in diesen Momenten auf eine Stufe mit Filmkunst gestellt wird, ist das schon zum Augenrollen. Jeder stellt seinen Lieblingsfilm vor, Dresen mit typischer Heiterkeit natürlich ganz Ossi "Solo Sunny", Graf kann erstaunlich wenig Ergiebiges zu Lemkes "Rocker" beisteuern. Erkenntnisreicher da schon die Ausführungen Wolfgang Kohlhaases (Siodmaks "Menschen am Sonntag") und Christian Petzolds (Käutners "Unter den Brücken"). Caroline Link, die sich mit der Dörrie in Sachen Qualität ja auch nichts nimmt, wählt ausgerechnet einen Wenders, dem also - dies wird damit signalisiert - natürlich zu huldigen weil Teil der Filmgeschichte ist ("Rainer Werner war ein guter Freund von mir..."). Auch Michael Ballhaus bekleckert sich nicht mit Ruhm, als er einfach einen alten Fassbilder auskramt und sich nochmal an bestimmte Kameraeinstellungen erinnert (Kameramann selbstredend: Er selbst).
Am Ende also besinnt sich die für ihre Verhältnisse einigermaßen gelungene - da auf Analyse der Geschichte setzende - Dokumentation also auf die Anfänge, die ja eben Deutsch waren (Max & Emil Skladanowsky im Berliner Wintergarten). Das hätte nicht sein gemusst. Aber nochmals: Auch so eine Reflektion mag nicht ohne dramaturgische Schikeria auskommen.
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Will man über deutsche Filmgeschichte reden, stellen sich zunächst einmal ein paar Probleme. Schließlich soll so eine Doku ja doch einen möglichst positiven Impetus besitzen. Was macht man also angesichts der Nazipropaganda, der seichten Nachkriegsfilme, des heutigen qualitativen Vakuums, welches die Filmlandschaft einnimmt.
Klar, thematisieren immer (außer das mit dem Vakuum, das wird natürlich totgeschwiegen), ergibt immerhin eine schöne Dramaturgie. Und dann haben wir da ja noch die Anfangsjahre des Kinos (immerhin sind ja auch WIR die Erfinder des Kinos, die Lumieres wussten nur mehr damit anzufangen), in denen Deutschland immerhin glänzen konnte. Michael Althens und Hans Helmut Prinzlers Schnippsel-Collage wird nach Themen (mit guten Ideen, z.B. Frauenblicke und schlechten Stichwörtern, wie Raucher) und nach Personen geordnet. Die Personen sind aktuelle deutsche Filmemacher, die ihren Lieblingsfilm jeweils in einem anderen, renommierten Arthouse-Kino vorstellen.
Hier ergibt sich dann ein zweites Gefälle, das problematisch wird. Stellt man neben gemachte und reflektierte Filmemacher wie Christian Petzold und Dominik Graf etwa eine Doris Dörrie, die von ihrem Trip nach New York erzählt und in diesen Momenten auf eine Stufe mit Filmkunst gestellt wird, ist das schon zum Augenrollen. Jeder stellt seinen Lieblingsfilm vor, Dresen mit typischer Heiterkeit natürlich ganz Ossi "Solo Sunny", Graf kann erstaunlich wenig Ergiebiges zu Lemkes "Rocker" beisteuern. Erkenntnisreicher da schon die Ausführungen Wolfgang Kohlhaases (Siodmaks "Menschen am Sonntag") und Christian Petzolds (Käutners "Unter den Brücken"). Caroline Link, die sich mit der Dörrie in Sachen Qualität ja auch nichts nimmt, wählt ausgerechnet einen Wenders, dem also - dies wird damit signalisiert - natürlich zu huldigen weil Teil der Filmgeschichte ist ("Rainer Werner war ein guter Freund von mir..."). Auch Michael Ballhaus bekleckert sich nicht mit Ruhm, als er einfach einen alten Fassbilder auskramt und sich nochmal an bestimmte Kameraeinstellungen erinnert (Kameramann selbstredend: Er selbst).
Am Ende also besinnt sich die für ihre Verhältnisse einigermaßen gelungene - da auf Analyse der Geschichte setzende - Dokumentation also auf die Anfänge, die ja eben Deutsch waren (Max & Emil Skladanowsky im Berliner Wintergarten). Das hätte nicht sein gemusst. Aber nochmals: Auch so eine Reflektion mag nicht ohne dramaturgische Schikeria auskommen.
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